Nachdem Ella 1994 auch in Rente gegangen war, hatte ich in ihr einen Partner, der meine Wanderlust teilte. Unser erstes gemeinsames Unternehmen war der Jakobsweg nach Santiago de Compostella in Spanien. Vom 22. März an wanderten wir auf den Spuren der mittelalterlichen Pilger durch Süddeutschland, die Schweiz, Südfrankreich, und über die Pyrenäen nach Spanien hinein, dann westwärts nach Santiago de Compostella. Wir maschierten zweiundneunzig Tage lang und legten zweitausendzweihundertsechsundzwanzig Kilometer zurück. Vor allem die steilen Aufstiege in den Pyrenäen erkannte Ella als "reelle Aufstiegschancen". Mit dem Flugzeug reisten wir zurück nach Deutschland. Wir genossen diese Wanderung sehr und beschlossen, jedes Jahr etwas Größeres zu unternehmen.
Abb. 10: Zurück vom Jakobsweg. Bahnhof Lauingen, 25. Juni 1994.
Im Jahr 1995 war Segré unser Ziel, die französische Partnerstadt von Lauingen. Die Lauinger Behörden meldeten uns in Segré an, und unterwegs schickten wir Ansichtskarten sowohl nach Lauingen, als auch nach Segré, so daß unsere Gastgeber immer über unsere Route informiert waren. Wir benötigten 42 Tage bis Segré, das in Westfrankreich liegt. Dort wurden wir von einem festlichen Komitee erwartet und bekamen einen Sektempfang im Rathaus. Der Bürgermeiser persönlich gab uns die Hand. Die Franzosen brachten uns für drei Tage bei einer Familie unter, die uns sehr zuvorkommend bewirtete und uns Segré und Umgebung zeigte. Mit dem Zug fuhren wir zurück nach Ulm, wo uns Tante Edith und Onkel Hasso mit dem kleinen Auto abholten, das sie als Pflegeauto für die Oma Schmid gekauft hatten - mit Hilfe vom Onkel Bubu und Ella.
Das folgende Jahr zog mich meine Gesundheit für eine Weile aus dem Verkehr und ich mußte auf das Wandern verzichten. Gleich Anfang 1996, im Januar, erkannte man meine Herzkranzgefäßverengungen und ich wurde zuerst ins Krankenhaus Lauingen, dann in die Universitätsklinik München eingeliefert. Das Hauptgefäß wurde mit dem Ballonverfahren erweitert, dann wurde ein Stent, ein kleines Rohr, eingesetzt. Danach genehmigte ich mir etwas Erholung. Im April 1996 wurde ein Splitter der Granate, die mich 1945 vom Fahrrad warf, aus der Kniekehle operiert. Der Splitter hatte sich eingekapselt und erreichte die Größe eines Hühnereis. Dieses Ei war allmählich lästig geworden. Der Eingriff legte mich für einen weiteren Monat lahm, es reichte gerade für ein bißchen Gartenarbeit im oberen Grundstück. Lustig war allerdings, daß meine Krankenkasse den Verursacher meiner Verletzungen regreßpflichtig machen wollte. Sie schickten mir ein Formular mit der Frage, wer für meine Operation verantwortlich sei. Ich schrieb "die feindliche US-Armee". Wer das bezeugen könnte? "Ein deutscher Stabsarzt 1945, Name unbekannt." Wer die Erstversorgung übernommen hätte? "Deutsche Frauen und deutsche Sanitäter, 1945. Name unbekannt." Dieses Formular war das unterhaltsamste seit Jahren!
Ab September 1996 wagte ich es, wieder zu wandern. Ich wählte den fränkischen Teil das Jakobsweges, von Nürnberg nach Rothenburg in vier Tagen, etwas später den Ruhrgebietsweg von Kamen bis Duisburg, 7 Tage. Natürlich nutzte ich die Gelegenheit, um Onkel Karl zu besuchen. Ich übernachtete dreimal bei ihm, und sein Sohn Robert brachte mich täglich zum Ausgangspunkt zurück. Ich besuchte auch meinen Jugendfreund Hans Burkhardt in Gelsenkirchen-Erle, mit dem ich in Magdeburg in die Lehre ging. Auch Hans Hildebrand traf ich, einen Studienfreund aus Höxter. Es war sehr schön, diese alten Kameraden wiederzusehen. Ich war erstaunt, wie sehr sich das Ruhrgebiet seit meiner Jugend verwandelt hat. Damals war es der "Ruhrpott", heute ist es ein riesiger schöner Park. Es wohnen lediglich zu viele Menschen in diesem Park, was auch den Verkehrslärm erklärt.
Abb. 11: Familie Mathia, anläßlich meines 70. Geburtstags
in Schwangau
Nun sollte es 1997 wieder ernst werden mit dem Wandern. Ich fühlte
mich gut erholt. Aber dann wurde Gunilla arbeitslos, und sie kaufte den
Altbau in Bachhagel. Das Haus mußte renoviert und das Dachgeschoß
völlig umgebaut werden. Das hat mich monatelang völlig beansprucht,
sogar überansprucht. Ich wurde krank, bekam aus Sorgen auch Depressionen.
Das ist jetzt, Ende 1997, immer noch nicht überwunden. Ich hoffe jedoch,
daß mein Akkupunkteur in Lauingen die letzten Symptome noch beseitigt.
Nächstes Jahr, im Mai 1998, wollen Ella und ich noch einmal den Jakobsweg
nach Santiago de Compostella wandern, diesmal allerdings nur den schönsten,
den spanischen Teil.
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Zurückblickend erkenne ich nur wenige gute Führer, die die Menschheit hervorbrachte. Für die Deutschen möchte ich an erster Stelle Kaiser Otto I., Friedrich den Großen und Fürst Bismarck nennen. Seitdem herrscht nur Mittelmaß, was durch den kontinuierlichen Niedergang Deutschlands bewiesen wird. Für besonders erschreckend halte ich es, wie sich in grundverschiedenen politischen Systemen dieselben korrupten Strukturen entwickeln können. Ich glaube, daß kein System gegen menschliche Schwächen immun ist. Leider erfordert es Erfahrung, und auch den Willen, um solche parasitären Strukturen zu erkennen. Die Massenmedien unterstützen diesen Lernprozeß keineswegs, ganz im Gegenteil. Wir müssen lernen, das Nicht-Gedruckte zwischen den Zeilen zu lesen.
Unsere sogenannte Demokratie nehme ich von meiner Anklage nicht aus. In nur fünfzig Jahren entwickelte sie einen Polit-Adel, der sich ähnliche Privilegien anmaßt, wie er sie totalitären Regierungen, wie dem SED Regime der ehemaligen DDR, vorwarf. Schlagwörter wie "Korruption", "Parteienstaat", "Kontrolle der Massenmedien", und "Diktatur des Proletariats" höre ich in diesem Zusammenhang öfter. Unsere Demokratie muß verbessert werden. Zur politischen Stimmung seit 1945 kann ich nur meine persönliche Meinung wiedergeben. Wir erlebten in den Jahrzehnten seither: Währungsreform, Gründung der Bundesrepublik Deutschland, Aufnahme der Bundesrepublik in die Nato, Volksaufstand in der DDR, Aufstand in Ungarn, Mauerbau in Berlin, Kubakrise, Kennedy's Ermordung, den Sturz Erhardts, Kanzler Schmidt, Kanzler Kohl, das Umfallen der FDP, und die SPD Regierung.
Diese scheinbar großen politischen Ereignisse wurden von mir und von einem großen Teil der Bevölkerung in Westdeutschland ohne besondere Bewegung aufgenommen. Nach dem Krieg war die allgemeine Stimmung "Ohne mich!" Von Politik wollte niemand etwas wissen. Jeder hatte die Schnauze voll, und jeder war vollauf damit beschäftigt, ums Überleben zu kämpfen. Die Werbung um neue Parteimitglieder hatte kaum Erfolg. Die stereotype Antwort war "Ohne mich!" Erst Mitte der 50er Jahre erwachte das politische Bewußtsein in Deutschland allmählich wieder. Aber da arbeitete ich in der Schweiz und in Schweden und versäumte die wesentlichen Ereignisse.
Von der Gründung der Bundesrepublik 1949 hörte ich im Radio. Es bewegte aber niemanden sonderlich. Für den Volksaufstand in der DDR hatte man Verständnis. Wie die Russen mit Menschen umgingen, wußte man vom 2. Weltkrieg und den zurückkehrenden Überlebenden der russischen Gefangenenlager. Es war jedem klar, daß in diesem System der Unterdrückung und der Knechtschaft ein Aufstand zwangsläufig war. Daß die Russen dann aus Panzern in die Massen hineinschossen, überraschte niemanden. Der Westen hatte wohl Mitleid, aber an Konsequenzen auf Seiten der Westmächte erinnere ich mich nicht. Der Aufstand in Ungarn war kein Bürgerkrieg, sondern wie in Mitteldeutschland ein Aufstand gegen die Russen. Das ungarische Militär schloß sich den Aufständischen sofort an. Daß der Aufstand von den Russen niedergeknüppelt wurde, war klar. Das Nicht-Eingreifen des Westens wurde auch erwartet. Die Westmächte wollten sich für zehn Millionen Ungarn keinen Dritten Weltkrieg einhandeln.
Den Mauerbau 1961 in Berlin fand man typisch kommunistisch. Die Menschen liefen der SED davon, und deshalb mußte sie die Mauer bauen. Das war die einzige Lösung zur Erhaltung dieses Zwangsstaates. Westdeutschland hatte wohl Mitleid mit der Bevölkerung in Mitteldeutschland, aber unsere Politiker sind über das Protestieren natürlich nicht hinausgegangen - was niemanden überraschte. Die Kubakrise wurde nur nebenbei wahrgenommen, es war niemandem klar, daß wir damals knapp am Dritten Weltkrieg vorbeirutschten. Den Mörder von Präsident Kennedy versuchte man uns als einen Einzeltäter zu verkaufen. In Wirklichkeit liegen die Dinge wohl etwas anders.
Das Umfallen der FDP Ende der sechziger Jahre habe ich noch in Erinnerung.
Dadurch kam die SPD an die Regierungsmehrheit, und sie begann auch sofort
mit ihrer Gleichmacherei und Umverteilung. Das störte mich enorm.
Die SPD wurde später wieder abgewählt, aber in einigen Bundesländern
konnte sie die Mehrheit verteidigen, und dort erfand sie alles Mögliche,
das der Gleichmacherei, der Nieveauabsenkung, und der Umverteilung diente.
Wenn diese Genossen so weitergemacht hätten, wären wir heute
sozialistisch und genauso bankrott, wie die Kommunisten im Rest der Welt.
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