Da meine zukünftige Frau Elsiabeth, die ich von Anfang an "Ella" nannte, ihre Hebammenlehre absolvierte, suchte ich mir eine Stelle in Hamburg. Ich arbeitete im Architekturbüro Otto Schneider und baute unter anderem an einem Hochhaus für die SVG, eine Fernfahrergenossenschaft. Ich zeichnete vorwiegend, während Otto Schneider die Bauleitung hatte. Ella hatte ein Zimmer im Krankenhaus, das sie mit anderen Schülerinnen teilte. Ich fand ein möbliertes Zimmer bei einem Rechtsanwalt Dr. Löber, in der Nähe der Frauenklinik Finkenau. So konnten Ella und ich uns in unserer Freizeit leichter besuchen. Dr. Löber war nebenberuflich Redakteur für Osteuropäsiches Recht. In dieser Stellung wurde er ein anerkannter Spezialist und Professor an der Universität Hamburg. Er beriet auch die Bundesregierung und genoß hohes Ansehen in Rußland.
Ella und ich heirateten an ihrem fünfundzwanzigsten Geburtstag, am 12. Februar 1960, in Hamburg. Wir wählten die kleine Kirche in Hamburg-Bergedorf, wo auch Fürst Bismarck getraut wurde. Das Schloß Friedrichsruh der Bismarcks liegt ganz in der Nähe, und die Kirche in Bergedorf war ihre "Hauskirche". Unsere Feier war sehr nett und romantisch. Ein Hotel konnten wir uns nicht leisten, aber mit Hilfe meiner Wirtin bauten wir in meinem Zimmer eine große Tafel auf und liehen zusätzliche Stühle. Als Köchin heuerten wir eine Frau aus dem ehemaligen Ostpreußen an.
Abb. 5: Hochzeitstag. Hamburg, 12. Februar 1960.
Wir lebten damals noch nicht lange in Hamburg und feierten deshalb in engeren Familienkreis mit der Verwandschaft aus Jettingen. Als Trauzeuge durfte mein Freund Karl Kramer natürlich nicht fehlen, sowohl bei der standesamtlichen Hochzeit, als auch bei der kirchlichen Trauung am folgenden Tage. Herr Seidler, ein Bürokollege, sollte fotografieren, er verschlief aber und kam nicht. Deshalb existieren nur wenige Fotos von unserer Hochzeit. Karl Kramer half uns stattdessen mit meiner Kamera aus. Nach der Trauung feierten wir in meinem Zimmer. Alle genossen das Menü unserer ostpreußischen Köchin. Es gab gespickten Rehrücken mit Klößen, Rotkraut und eine Nachspeise. Anschließend hatten wir eine Menge Spaß mit den damals noch jugendlichen Geschwistern von Ellla. Ein Spaziergang rundete den Tag ab. Es war ein richtig schöner, vergnüglicher und unseren damaligen Verhältnissen entsprechend genügsamer Tag. Mein Kollege Seidler zog eineige Jahre später nach Süddeutschland und machte sich in Ulm selbstständig. Dort arbeitete ich mit ihm noch einmal eineinhalb Jahre zusammen.
In Hamburg klapperten wir an den Wochenenden alle Sehenswürdigkeiten ab, soweit es der Krankenhausdienst von Ella erlaubte. Wir besuchten Außen- und Innenalster, Planten und Blomen, das Rathaus und den Michel, die berühmte Kirche. Wir fuhren auch nach St. Pauli hinaus und warfen einen kurzen Blick auf die "sündige Meile". Wir gingen ins Theater oder besuchten Konzerte. Einmal wanderten wir für drei Tage von Wilsede aus in die Lüneburger Heide, ein anderes Mal machten wir einen Tagesausflug nach Lübeck. Die Zeit in Hamburg war seht nett. Wir besuchten auch den Hamburger Hafen und die berühmte Anlegestelle, wo die Ozeandampfer begrüßt und verabschiedet werden. Für Westdeutschland war Hamburg der bedeutendste Hafen, zumal dort die Linienschiffe nach Übersee abgefertigt wurden, nach Nord- und Südamerika und Australien. Auch Bubu, Irma und Fritz Dressel wanderten alle per Schiff nach Kanada aus. Es ist mir nicht bekannt, ob die Bedeutung des Hamburger Hafens durch das Fehlen Mittel- und Ostdeutschlands beeinträchtigt wurde. Ich weiß auch nicht, ob die Tonnage wieder den Vorkriegsstand erreichte.
Das möblierte Zimmer bei Dr. Löber behielt ich bis zum Umzug
nach Süddeutschland. Ella war dort sehr willkommen, auch weil sie
mit den Löber-Kindern wunderbar umgehen konnte. Sie war bei den Kindern
sogar als Autorität anerkannt. 1959 schloß Ella ihre Hebammenlehre
ab. Ich hatte meine Stellung rechtzeitig gekündigt, denn wir wollten
uns in Süddeutschland niederlassen.
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Jettingen war ein vorwiegend landwirtschaftliches Dorf in einem Deutschland, das sich gerade aus der schlimmen Nachkriegszeit hocharbeitete. Gehungert wurde 1959 nicht mehr, auch nicht in Jettingen. Allerdings lag der Lebensstandard noch wesentlich unter dem der Schweiz und von Schweden. Aber das störte uns nicht. Es wurde einfach gegessen. Fleisch war knapp, Brot und Kartoffeln waren die Hauptnahrungsmittel. Auf's Brot gab es Margarine statt Butter, und einen Rettich. Wir trugen einfache Kleidung, selbst davon besaßen wir wenig. In Jettingen waren nur die Hauptstraße und einige Nebenstraßen asphaltiert, nicht die Gartenstraße, in der Familie Schmid wohnte. Autos waren kaum unterwegs, auch in der Familie Schmid besaß niemand ein Auto. Die Landwirtschaft war noch nicht automatisiert, die wenigen Traktoren waren klein, zogen aber schon gummibereifte Planwagen statt der hölzernen Leiterwagen. Arbeitslosigkeit war damals kein Problem mehr, es herrschte praktisch Vollbeschäftigung.
Familie Schmid besaß ein eigenes Haus, und es waren rechtschaffende und redliche Leute. Opa Schmid arbeitete bei der Eisenbahn als Schrankenwärter. Meine Familie in Dortmund brachte es nie zu einem Eigenheim. Gegen die neue Verwandtschaft gab es also überhaupt nichts einzuwenden. Von den Schmidschen Kindern lebten noch Markus und Reini, die damals zehn und elf Jahre alt waren, in Jettingen, auch Gitta, die noch die Realschule in Burgau besuchte. Trudi war als Dienstmädchen bei Undit in Stellung. Clemens war schon nach Kanada ausgewandert, die älteren Kinder waren auch schon aus dem Haus.
Abb. 6: In Jettingen 1960.
Während wir in Jettingen wohnten, pendelte ich täglich mit zwei Jettingern nach Günzburg, wo ich ein halbes Jahr beim Architekten Maus arbeitete. In Jettingen, im Schlafzimmer vom Opa Schmid, wurde am 18. August 1960 unser Sohn Karl geboren. Als der erste Sohn und der Enkel sorgte er zunächst für ein heilloses Durcheinander in der Familie. Für seine Geburt rannte ich quer durch die Ortschaft zu einem Arzt, und Tante Edith trug vor Aufregung ihr Kleid verkehrt herum. Später bemerkten wir Karls lautstarke Stimmbänder, was mitunter anstrengend war.
Bei unserer Suche nach einer Hebammenstelle gingen Ella und ich generalstabsmäßig
vor. Wir schrieben alle Landratsämter in Süddeutschland an und
fragten, ob nicht eine Hebammenstelle frei wäre. Die Kreisstadt Tuttlingen
antwortete, daß die Hebamme in Seitingen gestorben sei und die Stelle
noch unbesetzt ist. Ich fuhr hin, um mir die Gegend anzuschauen - und sie
gefiel mir ausgesprochen gut. Außerdem war es das einzige Stellenangebot
und so nahmen wir an.
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Ella kam drei Wochen später mit dem kleinen Karl nach. Wir brachten zwei Schilder an der Hauswand an: "Elisabeth Mathia, Hebamme" und "Günter Mathia, Architekt". Von da an war ich für Jahre ein selbständiger Architekt auf Arbeitssuche. Ich klapperte mit meinem Fahrrad die Bürgermeister der umliegenden Orte ab, stellte mich vor, um bekannt zu werden und Aufträge zu bekommen. Das gelang mir auch. Es fing mit kleineren Um- und Anbauten an, hin und wieder kam ein Neubau dazu. Das Försterhaus der Gemeinde Seitingen, das mir sehr gelang, war mein erster Auftrag.
Ella bekam als Hebamme vier Dörfer zugeteilt: Seitingen, Oberflacht, Gunningen und Durchhausen. Da unser Einkommen für ein Auto nicht reichte, fuhr sie mit dem Fahrrad zu den Entbindungen und zum Pflegedienst der folgenden zehn Tage. Sie hatte zwei, höchstens drei Entbindungen im Monat, und für eine Entbindung bekam sie fünfundsechzig Mark, einschließlich des Pflegedienstes. Das war zwar wenig, aber zusätzlich bezahlte das Landratsamt ihre Renten- und Krankenversicherung. Nach einem Jahr nutzten wir ein kleines Darlehen der Gemeinde Seitingen für unseren ersten VW-Käfer, der damals unter fünftausend Mark kostete. Der erleichterte unser Leben wesentlich. Ella machte ihren Führerschein in Tuttlingen. Ich hatte ihn in Höxter während meiner Studentenzeit gemacht. Damals nutzte ich ein günstiges Pauschalangebot für Studenten, hatte aber nie Zugriff zu einem Auto und mußte das Fahren mit unserem Käfer erst lernen.
Abb. 7: Seitingen 1964. Mit Karl, Gunilla, Sibylle.
Unsere Töchter Gunilla und Sibylle wurden in der Seitinger Altbauwohnung geboren, Gunilla am 03. Dezember 1961, Sibylle am 17. März 1963. Zu Gunillas Geburt kamen Oma und Opa Schmid angefahren, noch während Ella im Wochenbett lag. Als Gunilla geboren war, sagte Ella "Hier hast Du Deine Gunilla", denn mir gefiel dieser schwedische Name so gut. Alle hatten Mitleid mit diesem kleinen Würmchen, das sieben Wochen zu früh geboren wurde. Bei Sibylles Geburt war Karl Zeiske aus Berlin gerade in Süddeutschland. Er war mit seinem Auto auf Rundreise und stieg bei uns ab. Er fuhr noch weiter an den Bodensee und in die Schweiz. Auf der Rückreise nach Berlin kam er nochmal vorbei und wurde Sibylles Pate.
Ella und ich wollten natürlich auch selbst bauen. Ich hatte den Verkauferlös meines schweizer Grundstücks, etliche Bausparverträge und Ersparnisse aus meiner schweizer Zeit. Für das schweizer Grundstück, das 1956 sechstausend Franken gekostet hatte, bekam ich 1962 dann zwanzigtausend Franken. Damit kauften wir von der Gemeinde Seitingen zwei Grundstücke, das erste für unser Wohnhaus, das zweite für ein privates Entbindungsheim. Aus dem Entbindungsheim wurde allerdings nie etwas. Ich verkaufte die beiden Grundstücke später an die Generäle Mantey und von Einem und baute ihnen je ein nettes Einfamilienhaus darauf. Wir selbst schlossen uns mit einer Familie Kaus zusammen und erwarben ein Grundstück für ein Doppelhaus: davon sollte eine Hälfte uns, die andere den Knaus' gehören. Das Haus bauten wir 1963 und zogen noch im gleichen Jahr mit unseren drei Kindern ein. Maler Riedel aus Lauingen malte uns einen riesigen Baron Münchhausen auf unsere Doppelhaushälfte. Ich lernte ihn beim Architekten Maus in Günzburg kennen. Unsere Doppelhaushälfte kostete insgesamt fünfundsechzigtausend Mark. Ich verdiente als Architekt 1963 etwa fünfzehn Mark die Stunde. Die Maurer, wie Onkel Bubu, verdienten schwarz fünf Mark, und Handlanger vier Mark.
In diesem landschaftlich schönen Grenzland zum Schwarzwald bekamen wir Besuch aus Schweden. Viran mit ihrer Schwester Ingrid und dem Farbror Anders kamen für eine Woche. Auch Jan Carlestam besuchte uns. Er hatte leider Pech mit einem Backenzahn, der dort gezogen wurde und der dann nicht zu bluten aufhörte. Jan mußte ins Tuttlinger Krankenhaus und bekam vom Chefarzt als Kollege eine sehr kulante Rechnung von zehn Mark gestellt.
Onkel Bubu konnte mit seiner Eisenbahnerausbildung in Kanada nichts anfangen. Er endete als Hilfsarbeiter in einem Sägewerk, was ihm natürlich nicht paßte. Er kam zurück nach Deutschland, um einen Beruf zu erlernen. Zwei Jahre lang wohnte er in Jettingen und lernte Betonbauer. Nach der Lehre zog er zu uns nach Seitingen, um mir beim Hausbau zu helfen. Wir stellten den Rohbau schwarz hin. Bubu war von Anfang bis Ende dabei und wohnte bei uns, später bei Familie Bacher. Ich kaufte noch fünf weitere Grundstücke und baute mit Bubu zwei Einfamilienhäuser. Wir bekamen beide unseren Lohn und teilten den Verkaufsgewinn.
Als ich in Seitingen einigermaßen mit Aufträgen ausgelastet war und ausreichend verdiente, vereinbarte ich mit meinen Schwiegereltern, daß Gitta bei mir eine Lehre als Bauzeichnerin machte. Dadurch hatte ich eine große Hilfe, denn Gitta unterstützte mich nicht nur als Bauzeichnerin, sondern auch als Sekretärin, Telefonistin und manchmal als Babysitter, wenn Ella zur Arbeit mußte. Als wir noch in der alten Wohnung wohnten, mietete ich für sie ein Zimmer in Oberflacht, später zog sie zu uns in den Neubau. Sie war immer sehr fleißig und eine angenehme Gesellschaft. Sie wanderte nach ihrer dreijährigen Lehre, damals hatten wir das Büro schon in Lauingen, nach Kanada aus.
Wir lebten in Seitingen schließlich ein geregeltes Lebens, als
der Kunstmaler Riedel aus Lauingen auf mich zukam und erwähnte, daß
in Lauingen ein Architekt gestorben sei. Er fragte, ob ich nicht dessen
Büro übernehmen wolle. Als Architekt auf einem Dorf zu leben,
sei doch nicht das Richtige. In einer Stadt wie Lauingen käme ich
an städtische und größere Aufträge heran. Ich ließ
mich tatsächlich überreden und schaute mir die Sache an.
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Mein erstes Büro in Lauingen war dort, wo Architekt Lenz gewohnt hatte. Später mietete ich von Frau Bach einige Büroräume. Ihr Mann, ehemals ein Steuerberater, war gestorben. Frau Bach gab unseren Kindern den ersten Klavierunterricht, zunächst Karl und Gunilla, Sibylle war noch zu jung. Gunilla hörte damit wieder auf, aber Karl spielte noch viele Jahre weiter. Von den zehn Aufträgen des Architekten Lenz, die ich mir erhofft hatte, bekam ich letztlich keinen einzigen. Nun saß ich zwischen zwei Stühlen, denn Seitingen war aufgegeben, und in Lauingen kam nichts. Es war ein schwieriger Anfang in unserer neuen Heimat. Ich trat der Faschingsgesellschaft Laudonia bei, mit der Absicht, bei Büttenreden, Karnevals- oder Faschingsauftritten ein bißchen mitzumischen, aber auch in der Hoffnung, daß mir diese Kontakte Aufträge brächten. Nun, Aufträge bekam ich keine, statt dessen wurde ich zum Faschingspräsidenten gewählt. Der damalige Präsident, ein Herr Vogel, besaß ein großes Geschäft für Eisenwaren und Haushaltsartikel. Er mußte allerdings Konkurs anmelden, trat dann von seinem Ehrenamt zurück und zog aus Lauingen weg. Man schlug mich für die verwaiste Präsidentenstelle vor, und ich wurde auch gewählt.
Das war in der Faschingssaison 1965 - 66. Gitta übernahm die Rolle der Faschingsprinzessin. Einmal trug ich bei unserem Einmarsch zum Eröffnungsball das Blinklicht einer Polizeistreife auf meinem Kopf, festgehalten von einem großen Saugnapf auf der nackten Kopfhaut. Diese Gaudi bescherte mir einen enormen Bluterguß auf meinem kahlen Schädel, der mir einige Wochen lang die volle Aufmerksamkeit meiner Gesprächspartner garantierte. Als Präsident mußte ich natürlich auch einladen. Zur ersten Laudonenparty in unserem kleinen Haus in Dillingen luden wir den gesamten Elferrat und die Garden ein. Das Fest wurde allen unvergeßlich. Ich wurde noch dreimal zum Präsidenten der Laudonia gewählt, und wir waren sehr erfolgreich. Leider war es auch sehr, sehr anstrengend. Wir verbrachten viele hundert Stunden mit Vorbereitungen und Proben für die Aufführungen. Dazu kam der versäumte Schlaf und der Alkohol, der sich nur schwer vermeiden ließ, ohne die Gefühle unserer Gastgeber zu verletzten. Nach vier Jahren, also vier Faschingssaisons, konnte ich einfach nicht mehr. Nach der letzten Saison 1968/69 quartierte ich mich in einem kleinen Gasthof in Dischingen ein und machte nur Waldspaziergänge, eine ganze Woche lang.
Im Landkreis Dillingen machte ich mich auf die Suche nach einem Bauplatz. In Lauingen kostete der Grund fünfunddreißig Mark je Quadratmeter. Es war aber nur das Flachland im Donauried. Wir wurden schließlich auf den ersten Hügeln der schwäbischen Alb fündig, nicht weit von Lauingen entfernt. Die Gegend um Haunsheim erinnerte uns an Seitingen. Dort fanden wir unser Doppelgrundstück. Es gefiel uns nicht nur gut, sondern kostete auch nur acht Mark je Quadratmeter, und so schlug ich gleich zu. Wir begannen im Frühjahr 1966 mit den Bauarbeiten. Onkel Bubu hatte seine beiden Häuser in Seitingen inzwischen fertiggestellt und zog wieder zu uns. Er unterstützte uns tatkräftig bis zur Fertigstellung des Hauses. Wir zogen kurz vor Weihnachten 1966 ein. Noch nicht alle Bauarbeiten waren beendet. Der offene Kamin wurde später eingebaut, auch die Malerarbeiten im Wohnzimmer mußten noch fertiggestellt werden. Vorerst zogen wir in die beiden Mädchenzimmer im Erdgeschoß, die damals noch durch die Schrankwand getrennt waren. Diese Schrankwand teilte später das große Zimmer, so daß Sibylle und Gunilla je ein eigenes Zimmerchen hatten. Ihre Räume waren mit einer kleinen Rundbogentür verbunden, so daß sich die Mädchen gegenseitig besuchen konnten. Das Büro verlegte ich von Lauingen nach Haunsheim in den Keller, um die Miete zu sparen. Durch große Lichtschächte hatte ich Tageslicht, und der Raum war gut isoliert. Ich fühlte mich sehr wohl in meinem neuen Büro. Bubu wohnte damals zeitweise bei uns in Haunsheim. Er wanderte im Sommer 1967 zum zweiten Mal nach Kanada aus. Und am 15. April 1968 wurde uns Gudrun im Krankenhaus Dillingen geboren.
Abb. 8: Meine Familie und Susanne Kramer in Haunsheim 1968
Ich strampelte mich in Haunsheim nach Aufträgen ab, wie in Seitingen auch. Wenn ein Grundstück verkauft wurde, ermittelte ich den Käufer, bot meine Dienste als Architekt an. Ich gab Annoncen auf, auch versteckte Annoncen, wie "Wer gibt meinem Sohn Blockflötenunterricht? Architekt Mathia, Haunsheim." Direkte Werbung ist für freischaffende Berufe ja verboten. Im Laufe der Zeit reichte es wieder für den Broterwerb. Schließlich baute ich sogar für die Bayerische Hypotheken- und Wechselbank. Von der Raiffeisenbank bekam ich den Auftrag für die drei Zweigstellen in Schretzheim, Bächingen an der Brenz und in Hausen. Im Jahr 1967 kaufte ich das obere Grundstück von einem Bundeswehrsoldaten aus Dillingen, der sich hier im Landkreis verlobt hatte. Er selbst kam aus dem Rheinland, und als die Verlobung in die Brüche ging, hatte er keine Verwendung mehr für das Grundstück. Sein Vater versuchte, es wieder zu verkaufen, und ich bekam es zu seinen Gestehungskosten. Es war eine gute Gelegenheit. Ella und ich bewirtschafteten das Grundstück als Gemüsegarten, und 1972/73 baute Herr Wunderle die Garage darauf.
Die Leute im Dorf hielten uns für Sonderlinge, weil wir vegetarisch lebten. Auf diese Lebensweise wurde ich während meiner schweizer Zeit durch das Buch "Die Befreiung aus dem Hexenkessel der Krankheiten", geschrieben von dem Schweden Are Waerland, aufmerksam. Das Buch war so überzeugend, daß ich von da an auf Fleisch, Fisch und Eier verzichtete. Ich nahm einen großen Salat- oder Rohkostanteil in meine tägliche Nahrung auf und aß nur Vollkornprodukte und -brote, dazu Kartoffeln und Gemüse, Nüße, kaltgepreßte Pflanzenöle, gute Margarine oder Butter. So wuchsen auch unsere Kinder auf, und nach meiner Meinung haben sie dadurch eine gute Gesundheitsbasis. Wir holten täglich drei Liter rohe Milch beim Bauern, die auch nicht gekocht wurde.
Ein Fehler unterlief mir allerdings, aber ich wußte es nicht besser. Ich behandelte alle Holzbalken und Holzschalungen im Hausinneren mit Holzschutzmitteln, die damals alle das Gift PCB, das "Seveso-Gift", in ihrer Substanz hatten. Alle Spanplatten enthielten damals das erst später als sehr gesundheitsschädlich erkannte Formaldehyd als Bindemittel. In Karls Zimmer sind Deckenplatten, Schranktrennwand, Bett und der Kleiderschrank aus Spanplatten, was sich alles schlimm auf seine Bronchien auswirkte. Gott sei Dank verschwanden die Symptome, als er später aus dem Haus war.
Um hier in Haunsheim etwas Fuß zu fassen trat Ella dem Gesangverein "Liedertafel" bei, bald darauf auch dem Frauenturnen. Ich konnte mich für keinen Verein erwärmen und pflegte lediglich ein bißchen Kontakt mit unserer Nachbarschaft. Karl kam 1967 noch in die alte Grundschule in Haunsheim, auch Gunilla 1968. Sibylle zog 1969 von Anfang an in das neue Schulgebäude. Die beiden Mädchen waren vorher noch im Haunsheimer Kindergarten. Der Architektenberuf ist wunderschön, vielseitig, und befriedigend, denn das Ergebnis der Arbeit ist sichtbar. Jeder Bau bringt etwas Neues, und man arbeitet mit vielen Menschen zusammen. Ein Wermutstropfen ist die Arbeitsbelastung. Als freier Architekt ist man zwar "frei", hat allerdings viele Arbeitsstunden. Und leider gerät die Bauwirtschaft immer wieder in Rezessionen, wo Architekten nur mit Mühe Arbeit finden. Für den Hausbau in Haunsheim hatte ich Hypotheken aufgenommen, und ich mußte eine Familie mit vier Kindern versorgen. Und nun stand ich ohne Aufträge da. Das war ich schließlich so leid, daß ich mir eine Stelle mit geregeltem Einkommen suchte und beim Baurechtsamt der Stadt Heidenheim auch fand. Meine Heidenheimer Zeit begann am 01. Januar 1971, und sie sollte fünfzehn Jahre bis zu meiner Pensionierung dauern. Ich hatte sehr nette Kollegen und fühlte mich wohl im Büro. Ich erlebte nie Neid, Mißgunst, oder daß "Stühle angesägt" wurden. Im nachhinein muß ich sagen, daß Heidenheim eine gute Entscheidung war, nicht nur wegen des gesicherten Einkommens, sondern auch wegen der Rentenversicherung. Als freier Architekt konnte ich zehn Jahre keine Versicherungsmarken "kleben", wie man bei den Selbstständigen sagt, also in meine Rentenversicherung einzahlen. Das konnte ich mit einer einmaligen Nachzahlung in Heidenheim korrigieren.
Abb. 9: Meine Familie in Ottobeuren 1977
Mitte der 70er Jahre erwarb ich einen Krautgarten in Haunsheim, den ich bis 1986, bis zu meiner ersten Deutschlandwanderung, biologisch bewirtschaftete. Wir produzierten unseren eigenen Kompost und bauten Kartoffeln, Mais und eine reiche Auswahl von biologischem Gemüse an. Das Wesentliche an dieser Gartenarbeit war aber, und das erkannte ich erst viele Jahre später, daß sie mich gesund hielt. Die fast tägliche Bewegung in frischer Luft und die körperliche Tätigkeit waren ein Ausgleich für die sitzende Tätigkeit in Heidenheim, ohne den mich meine jetzigen Krankeiten schon viel früher erwischt hätten.
In den achtziger Jahren wurde der Haunsheimer Musikverein gegründet. In der Musikkapelle spielte Sibylle Lyra, Gunilla Trompete und Gudrun Querflöte. Natürlich mußten Ella und ich auch Mitglieder werden. Bei der Weihnachtsfeier spielte ich öfter den Nikolaus oder übernahm eine Rolle beim Krippenspiel, in dem Ella jedes Jahr Regie führte. Wir organisierten einmal den "Ali Baba und die vierzig Räuber" als Theaterstück und führten es zusammen mit dem Musikverein auf. Wir wurden alle als Hilfskräfte herangezogen. Sibylle spielte die Gitarre und leitete die begleitende Musik. Ella führte Regie. Ich hatte nur eine kleine Nebenrolle. Die Aufführung war ein großer Erfolg, wir haben noch ein Videoband davon. Ella beschloß 1984, als alle Kinder aus dem Haus waren, wieder zu arbeiten und nahm eine Stelle als Altenpflegerin im Elisabethenstift im Schloß Lauingen an. Sie hatte abwechselnd sieben Tage Nachtdienst und sieben Tage frei und verdiente sehr gut dabei.
Jetzt wohnen wir seit 31 Jahren in Haunsheim, und ich habe an keinem Ort länger gelebt. Haunsheim wurde meine Heimat. Von 1972 bis 1974 baute ich in Heidenheim achtzehn Eigentumswohnungen. Die Wohnungen wurden ab Plan verkauft, und der Gewinn sanierte unser Haus und unsere Finanzen. Denn zwischenzeitlich wurde die Straße "Auf der Heide" asphaltiert, dann kamen die Anliegerkosten für Wasser, Kanal, Straßenbau, Trottoir und Straßenbeleuchtung auf uns zu, immer für drei Grundstücke auf einmal. Ich ließ auch die beiden Garageneinfahrten pflastern und asphaltieren und Wasser ins obere Grundstück verlegen. Unser Haus bekam neue Teppichböden und einen neuen Anstrich. Mein altes Büro wurde renoviert und mit Holzdecke, Teppich und Vorhängen ausgestattet. Den Rest des Heidenheimer Gewinns legten wir an. Dazu kamen im Laufe der Jahre die Ersparnisse von Ella aus ihrer zehnjährigen Berufstätigkeit in Lauingen. Damit bezahlten wir die zweite, größere Hausrenovierung 1991, einschließlich des Wintergartens, Abbruch der alten elektrischen Kachelöfen, des Kamines, einem neuen Kachelofen und Gasheizung, neuen Türen, und neuem Anstrich. Ein Bad und der Eingang wurden völlig neu renoviert. Hinter dem Haus, wo die Böschung war, wurde der Hinterhof angelegt. Auch die Terrasse wurde überholt. Die Gesamtkosten betrugen etwa hunderttausend Mark.
In Haunsheim begann ich damit, die kahlgeschlagenen Fluren mit jungen Bäumen und Heckenbüschen zu bepflanzen und wiederzubeleben. Die Gemeinde zog dann nach, und mit Karl, Gudrun und anderen Haunsheimern legten wir einige schöne Hecken an. Leider blieb es bei dieser einmaligen Aktion. 1991 gründete ich die Haunsheimer Seniorengymnastik, einen netten, harmonischen Verein, den wir später dem TSV-Haunsheim eingliederten und den es heute noch gibt.
Die nächste Hausrenovierung kam 1995. Diesmal war es das ehemalige
Töchterzimmer, das einen Wintergarten und einen Kachelofen mit Edelstahlschornstein
erhielt. Eine der beiden Türen wurde zugemauert und eine schöne
Decke mit Gesims wurde eingezogen. Dazu kamen die von mir entworfenen Lampen,
der Spiegel und die Türeinfassung. Die alten Eichenschränke aus
Schweden verlegten wir in diesen neuen Raum, der uns gut gelang, aber zusammen
mit der neuen Küche wieder etwa fünfzigtausend Mark kostete.
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