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Günter Mathia Erzählt

Kapitel 4: Die Jahre 1950 - 1959

Abschnitte:
4.1 Höxter, 4.2 Berufsanfang, 4.3 Schweiz, 4.4 Schweden
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4.1 Höxter

An den Staatsbauschulen wurde eine Aufnahmeprüfung verlangt, in der man die Kenntnisse der Mittleren Reife nachweisen mußte. Ein Zeugnis der Mittleren Reife wurde nicht verlangt, eine Fremdsprache auch nicht. Es war also meine eigene Verantwortung, den Kenntnisstand der Mittleren Reife neben der Arbeit bei Krupp nachzuholen. Ich verbrachte meine Freizeit mit Mathematik, Geometrie, Trigonometrie, Geschichte und Deutsch. Ich lieh mir Bücher aus der Bibliothek und von Freunden, zum Beispiel von Karl Kramer. Ich studierte mit diesen Büchern autodidaktisch, zuerst alleine, später mit zwei Gesinnungsgenossen. Wir studierten dann intensiv zu zweit oder zu dritt. Wir lösten alle Übungsaufgaben in den Büchern und korrigierten unsere Fehler selbst. Das Lernen zwischen den Schichten bei Krupp war sehr anstrengend, ich war immer erschöpft und müde. Aber es ging ja nicht anders, und so riß man sich immer wieder zusammen und lernte weiter.

Ich war einer von dreihundert Bewerbern an der Staatsbauschule in Höxter, einstmals die erste Bauschule des Landes Preußen. Es gab nur noch zwei oder drei andere Bauschulen. Von den dreihundert Bewerbern wurden sechzig Studenten angenommen, dreißig für den Hochbau und dreißig für den Tiefbau. Die Möglichkeiten der wenigen Hochschulen und Universitäten waren sehr begrenzt, und so gab es nur wenige Studienplätze. Nach dem Aufblühen Deutschlands wurden später massenhaft Universitäten und Ingenieurschulen neu gegründet. Die Aufnahmeprüfung in Höxter dauerte zwei Tage, und es wurden alle Fächer geprüft. Vor allen Dingen die Naturwissenschaften, aber auch die humanistischen Fächer. Für einen Aufsatz in Deutsch hatten wir drei Stunden Zeit. Ich schrieb sechs Seiten, wovon sowohl Sprache als auch Rechtschreibung bewertet wurden.

Letztendlich bestand ich die Prüfungen und wurde angenommen. Ich hörte bei Krupp auf und begann mein Architekturstudium im Oktober 1950 an der Staatsbauschule Höxter. Ich mußte die gesamten Studienkosten selbst aufbringen, und auch den Lebensunterhalt während der Studienzeit. Das Bafög war leider noch nicht erfunden worden, es gab überhaupt keine finanzielle Unterstützung. Im Gegenteil, es wurden noch Studiengebühren, das "Semestergeld", erhoben, in meinem Fall achtzig Mark pro Semester. Allerdings ist dieser Betrag heute irreführend. Achtzig Mark war damals sehr viel Geld, mindestens das Zehnfache nach heutigem Ermessen. Meine Miete betrug zwanzig Mark für ein möbliertes Zimmer in Höxter, wo ich bald studieren sollte, und von achtzig Mark konnte ich einen ganzen Monat lang leben. Mit meinen Ersparnissen von Krupp überlebte ich die ersten drei Semester.

Zunächst mußte ich ein Quartier finden und reiste deshalb einen Tag vor Semesterbeginn an. Meine Suche begann am Schwarzen Brett der Schule, wo Witwen oft möblierte Zimmer anboten. Ich fand ein Zimmer zusammen mit meinem Banknachbarn Reiner Peisker, der für drei Jahre lang mein Studien- und Stubenkamerad wurde. In Höxter kosteten Zimmer zwanzig bis siebenundzwanzig Mark im Monat. Wir zogen auf einen Bauernhof in Brenkhausen, vier Kilometer außerhalb von Höxter, wo Zimmer billiger waren als in der Stadt. Brenkhausen war ein nettes Dorf mit einem Schloß. Wir bezahlten zwanzig Mark für das Zimmer, und fünfzig Pfennige extra für unser tägliches Abendessen. Meistens gab es eine Pfanne Bratkartoffeln mit einer sauren Gurke oder Salat.

Wir radelten täglich nach Höxter zur Bauschule, um das Fahrgeld für den Autobus zu sparen. In die Stadt hinein ging es vier Kilometer bergab. Der Heimweg war bergauf, und wir mußten unsere alten, schweren Fahrräder den Großteil des Weges schieben. Unsere Räder hatten keine Gangschaltung, es waren uralte, schwarze, halb verrostete Vorkriegsmodelle. Wer konnte sich damals schon ein neues Fahrrad leisten? Kriminalität war fast unbekannt, und Diebstahlgefahr für die Fahrräder gab es nicht, obwohl alles so arm war. Kriminalität hängt nicht mit Armut zusammen.

Diese ewige Schieberei hielten wir nur zwei Semester lang durch, dann gaben wir auf und mieteten uns ein Zimmer in Höxter. Oh, war das schön! Und es kostete nur fünf Mark mehr! Den Verlust der abendlichen Bratkartoffeln konnte ich gutmachen: Ich fragte im Krankenhaus nach Resten des Kantinenessens in der Annahme, daß immer etwas übrig bliebe. So war es auch. Ich besorgte mir ein Kochgeschirr mit drei "Etagen", das ich morgens im Krankenhaus abgab und mittags vollbeladen abholte. Eine Mahlzeit kostete nur fünfundzwanzig Pfennige, und es störte mich überhaupt nicht, daß es auf dem Ofen aufgewärmt werden mußte. So kam ich zu einer billigen und warmen Mahlzeit, was mir sehr half, mich durchzuschlagen.

Mein Ingenieurstudium dauerte drei Jahre. An der Bauschule herrschte ein fast schulmäßiger Betrieb, und das Studieren fiel mir nicht immer leicht. Wenn der Dozent, der Herr "Baurat", hereinkam, standen alle Studenten auf, der Baurat grüßte uns mit "Bitte Platz nehmen". Er kontrollierte dann die Anwesenheitsliste, und wenn jemand fehlte, wurde ein Vermerk in unser Klassenbuch eingetragen. Erst dann begann der Unterricht. Studenten hatten aufzustehen, um die Fragen des Herrn Baurates zu beantworten, und auf sein "Danke" hin konnte man sich wieder setzen. Manchmal mußten wir Aufgaben an der Tafel lösen. Jeder Baurat lehrte natürlich nur sein spezielles Fach, zum Beispiel Mathematik, Physik, Chemie, Hochbau, Schriftzeichnen, Staatsbürgerkunde, Freihandzeichnen und Entwurf.

Höxter war im Krieg nur sehr wenig zerstört worden. Der gesamte alte Stadtkern, meist Fachwerkbauten, war erhalten und wunderschön. Wir Studenten waren die "jungen Herren" und genossen ein hohes Ansehen in der Bevölkerung, wohl schon seit Gründung der Staatsbauschule 1875. Wir wurden immer gegrüßt und fast ehrerbietig behandelt. Wir Studenten wurden als die zukünftige deutsche Elite betrachtet, und es wurde ein entsprechendes Verhalten von uns erwartet. Querschläger wurden nicht geduldet. Wenn sich ein Bürger bei der Schule über einen Studenten beklagte, wurde es schnell ernst. Dieser Student bekam einen Verweis oder, in besonders krassen Fällen, wurde er von der Schule verwiesen. Bei den einheimischen Mädchen kamen wir auch ganz gut an, denn die meisten wollten aus dem verträumten Provinzstädtchen mit hoher Arbeitslosigkeit und ohne Berufsaussichten, gerne wegheiraten.

In den Semesterferien fuhr ich nach Rheinhausen zu Tante Gesine, zog in mein altes Zimmer ein, holte mein Maurerwerkzeug aus dem Keller und suchte mir noch am selben Tag eine Maurerstelle. Ich arbeitete vom ersten bis zum letzten Ferientag. Dann reiste ich zurück nach Höxter und drückte am nächsten Tag wieder die Schulbank. Semesterferien dauerten im Frühjahr 15 Tage, im Sommer zwei Monate. Der Maurerlohn reichte jeweils für ein halbes Jahr des Studiums. Gegen Studienende, im Sommer 1953, geriet ich trotzdem noch in Schwierigkeiten. Ich bekam dann von einem Studentenverband ein Darlehen von 300 Mark, was für die letzten zwei Studienmonate und auch noch für den Berufsanfang reichte. Bis zum ersten Gehalt dauerte es ja einen Monat, und vorher mußten die Reisekosten zum Vorstellungsgespräch und die Miete bezahlt werden. Ich hatte also einige hundert Mark Schulden, aber das Studium war wenigstens abgeschlossen.

Mein Studienfreund Reiner Peisker, mit dem ich Zimmer und Schulbank teilte, war von Beruf Fliesenleger. Er machte seinen Ingenieur nur auf Drängen seines Vaters. Aber als er dann sein Ingenieurpatent in der Tasche hatte, ging er zurück nach Rheinhausen, holte Fliesenlegerkelle und Mörtelfaß aus dem Keller und eröffnete ein Fliesenlegergeschäft. Er arbeitete zuerst alleine, beschäftigte schließlich aber fünfzehn Leute und besaß drei Lastwagen. Der Wiederaufbau Deutschlands und der damit verbundene Wohlstand halfen seinem Unternehmen sehr, wie auch sein Ingenieurtitel. Leider lebt Reiner schon lange nicht mehr.
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4.2 Berufsanfang

Meine erste Stelle als Hochbau-Ingenieur fand ich in Düsseldorf bei Bosswau & Knauer, einer großen Stahlbetonfirma, die heute noch besteht. Der Firmensitz lag im Zentrum von Düsseldorf. Mein Monatsgehalt waren 317 Mark brutto und 263 Mark netto. Davon bezahlte ich die 100 Mark Miete für mein möbliertes Zimmer und sechsundzwanzig Mark im Monat für die Straßenbahn. Ich wohnte drei Kilometer vom Zentrum entfernt. Zum Leben blieb also nicht viel übrig. Ich kam gerade so über die Runden und konnte im Laufe der Monate meinen Vorrat an Kleidung etwas aufbessern. Zum Ausgehen, für Bier oder Limonade, hatte ich kein Geld. Abends ging ich spazieren, ein paar Kleinigkeiten einkaufen, machte mir etwas zu essen, und wusch mich mit billiger Kernseife. Ich sparte, sparte, sparte ... Aber in Deutschland machte das jeder, und ich fühlte mich dadurch keineswegs unglücklich. Außerdem hatten wir Arbeit und Hoffnung auf den Wiederaufbau Deutschlands, auf höhere Gehälter und auf höhere Löhne für die Arbeiter. Wir wußten, daß es vorwärts geht. Es konnte nur vorwärts gehen, ein Rückwärts gab es nicht. Deutschland war 1953 ein einziger Trümmerhaufen, und Düsseldorf war eine Ruinenstadt. Ofenrohre qualmten aus den Kellern, wo die Menschen lebten, um ein Dach über dem Kopf zu haben. In den Straßen herrschte ein Anblick von Armut. Aber es wurde von Monat zu Monat besser.

Für den ersten Monat blieben mir ganze zehn Mark, nachdem Miete und Monatskarte bezahlt waren. Das reichte gerade mal für Brot, und der erste Zahltag war erst am Monatsende. Hans Wecker, der Bruder meines Studienfreundes Paul Wecker, schenkte mir in dieser Situation zwanzig Mark. Damit konnte ich billige Blutwurst, fünfzig Pfennige das Pfund, Margarine und Kaffeepulver kaufen. Heute bin ich froh, daß es nicht mehr für Zigaretten reichte, denn so wurde ich im ersten Monat meines Berufslebens, mit fünfundzwanzig Jahren, zum Nichtraucher. Bis dahin hatte ich Zigaretten gedreht. In unserer Freizeit erkundete ich mit Hans Wecker Düsseldorf. Wir sahen uns alles Erschwingliche an. Ich erinnere mich an ein Basketballspiel der Harlem Globetrotters.

Als Stahlbeton-Ingenieur bei der Firma Boswer & Knauer zeichnete ich Bewehrungspläne für Deckenpfeiler, Unterzüge, Stützen und wurde dabei auf Bauleitung vorbereitet. Ein erfahrener Bauleiter gab mir zum Beispiel Rechnungen und Ausschreibungen zum Kontrollieren oder Aufsetzen, nach seinen Vorlagen und unter seiner Aufsicht. Es war interessant, und die Zeit verlief wie im Fluge, obwohl in Deutschland 1953 noch achtundvierzig Stunden pro Woche gearbeitet wurde. Die Arbeitszeit war auf sechs Werktage verteilt, Montag bis Freitag achteinhalb Stunden, am Samstag fünfeinhalb Stunden bis halb eins mittags. Die ersten drei Krankheitstage waren unbezahlt. Mit Sozialversicherungen waren wir gut versorgt. Die Beiträge für Kranken-, Arbeitslosen-, Renten- und Invalidenversicherung wurden vom Gehalt abgezogen. Die Idee der Sozialversicherung gab es ja schon im 3. Reich, und auch schon vor dem 3. Reich. Der Anfang geht auf Bismarck 1890 zurück. Das Baugewerbe in Deutschland wurde 1954 von der ersten Rezession nach dem Kriege getroffen. Auch Boswau & Knauer kamen in Schwierigkeiten und entließen Personal, und ich als fast nutzloser Anfänger war dabei. Ich fand sofort wieder eine Stelle bei einer jungen und aufstrebenden Firma, die erste, die Kunstharzputze für Wände und Decken herstellte. Ich war Anwendungstechniker und wurde bei Bayer in Uerdingen im Umgang mit dem neuen Material ausgebildet und schulte dann unsere Arbeiter. Später bearbeitete ich auch Ausschreibungen und besorgte die Bauleitung. Es war interessant, aber für mich als Architekt berufsfremd. Als mir der Architekt Walter Althoff eine Stelle anbot, wechselte ich im selben Jahr noch, also 1954, in den Architektenberuf. Walter Althoff war etwa zehn Jahre älter als ich und damals der einzige Architekt in Heiligenhaus, etwa fünfzehn Kilometer außerhalb von Düsseldorf. Anfangs pendelte ich täglich mit dem Omnibus, doch bald nahm ich mir ein möbliertes Zimmer in Heiligenhaus und spazierte zur Arbeit. Der Umzug war kein Aufwand. Ich besaß nur zwei Koffer Handgepäck und hatte keine Möbel. Das sogenannte "möblierte Zimmer" bei einer Witwe oder Familie war meine übliche Bleibe. Jeder mit ein bißchen Platz war froh um die Miete als Nebenverdienst, vor allem in relativ teuren Gegenden wie Düsseldorf.

Bei Walter Althoff arbeitete ich ein halbes Jahr. Ich hörte dann, daß in der Schweiz ein Vielfaches von den deutschen Gehältern verdient wurde. Walter Althoff bezahlte brutto vierhundertfünfzig Mark, was schon eine Verbesserung gegenüber meinem ersten Gehalt war. Aber in der Schweiz sollte es Gehälter von siebenhundert bis neunhundert Mark geben. Da ritt mich der Teufel, und ich gab eine Annonce in der Neuen Zürcher Zeitung auf. Es meldete sich ein einziger Architekt, der mich auf meine schriftliche Bewerbung hin auch einstellte.
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4.3 Schweiz

Im Dezember 1954 zog ich in die Schweiz und trat meine neue Stelle im Architekturbüro Robert Amsler an. Das Büro war in Oberendfelden im Argau, gleich hinter Basel. Ich wohnte dort in einem Gasthof, hatte ein schönes Zimmer, das nur 40 Franken im Monat kostete und größer war als alles, was ich bisher hatte. In dem Gasthaus konnte ich auch ein günstiges Frühstück, Mittagessen und Abendessen bekommen. Mein Anfangsgehalt bei Robert Amsler waren achthundert Schweizer Franken. Der Wechsel brachte also eine sehr große Verbesserung für mich, denn der Franken stand damals eins zu eins zur Deutschen Mark. Meine Ersparnisse schwollen in nur einem Jahr zu einigen tausend Franken an, was in Deutschland unmöglich war.

Ich arbeitete dreieinhalb Jahre für Robert Amsler. Nach etwa einem Jahr eröffnete er ein Zweigbüro in Frick, das auch im Argau liegt, in der Nähe der deutschen Stadt Säckingen am Rhein. Ich zog dorthin und leitete dieses Büro mit Hilfe einer Sekretärin und eines Bauzeichners. In der Schweiz, wo besser und schöner gebaut wurde als im Nachkriegsdeutschland, sammelte ich meine eigentliche Berufserfahrung. In Deutschland mußte mit begrenzten Mitteln soviel Wohnraum wie möglich geschaffen werden. Es wurde einfach und billig gebaut, und Luxus von Architektur war fehl am Platz. Ende 1954 arbeitete ich in der Schweiz wie auch in Deutschland achtundvierzig Stunden. Die Arbeitszeit wurde aber bald auf sechsundvierzig und dann vierundvierzig Stunden verkürzt, und wir legten die Arbeitszeit so, daß der Samstag frei war. Neben der vielen Arbeit blieb dann noch Zeit für's Privatleben. Ich kaufte meine ersten guten Wanderschuhe und wanderte im Schweizer Jura, der ja vor der Haustür lag. Abends fuhr ich oft mit dem Fahrrad über die Grenze nach Säckingen, ging dort ins Kino und trank ein Bier. Am Samstagvormittag fuhr ich nach Aarau und nahm dort eine ausgiebige Sauna. Abends verbrachte ich manchmal mit Tanzen in Frick oder in Säckingen, wo jeden Samstag Tanz war. So trafen Karl Kramer und ich zwei schweizer Mädchen in Säckingen. Karl war aus Aachen zu Besuch, ich besorgte ein zweites Fahrrad und wir radelten zum Tanzen. Er stand mit "seinem" Mädchen noch ein paar Jahre in Briefkontakt. "Meine" kleine Schweizerin, die mir gut gefiel, arbeitete als Büroassistentin in einer Möbelfabrik. Ich machte mir Hoffnungen und kaufte ein Grundstück in Frick. Die sechstausend Franken dafür hatte ich mir schon erspart.

Karl Kramer kam im nächsten Sommer wieder, und wir wanderten zwei Wochen lang im Berner Oberland. Wir schafften es hinauf bis zu den Viertausendern Eiger, Joch und Jungfrau. Als unerfahrene Bergsteiger versuchten wir einmal eine Serpentine abzukürzen und das Geröllfeld direkt zu überqueren. Bei jedem Schritt aufwärts rutschten wir einen halben Schritt zurück. Zudem hatten wir zuviel Gepäck, wir schleppten sogar Luftmatratzen mit. Als wir schweißgebadet mitten im Geröllfeld nach Luft schnappten brüllte Karl Kramer "Scheiße!" in diese schöne und stille Bergwelt. Das vielfältige Echo bestätigte, daß ich richtig gehört hatte. Auf der Blümlisalb fragten wir nach Edelweißen. Man deutete auf eine steile Felswand etwa eineinhalb Stunden entfernt. Ich glaube, wir waren uns der Gefahr nicht bewußt, denn wir konnten nicht wiederstehen und bestiegen ohne Ausrüstung und geeignete Schuhe die Wand und pflückten unsere Edelweiße. Es war unverantwortlich, aber die Edelweiße bewahre ich heute noch in unserer Hausbibel auf.

An den Grenzübergängen zwischen der Schweiz und Deutschland durften Waren nicht mitgeführt werden. Einmal hielt mich ein schweizer Zöllner fest, weil ich einen neuen Mantel trug. Den hatte ich zwar in der Schweiz gekauft, der Zöllner vermutete aber Deutschland. Ich nannte das Geschäft in Frick, was einfach war, denn mein Hausherr Alfred Nußbaum führte ein kleines Textilgeschäft. Dort hatte ich den Mantel erstanden, und mit einem Anruf war die Angelegenheit geklärt. Alfred Nußbaum besuchte uns einmal in Haunsheim, und wir zeigten ihm die Schlösser der Umgebung. Einmal in der Woche fuhr ich beruflich nach Säckingen, um Lichtpausen von unseren Bauplänen zu machen. Allmählich erkannte man mich an der Grenze, und von da an gab es keine Schwierigkeiten mehr. Alle Fahrten bis zu fünfzehn Kilometern erledigte ich mit dem Fahrrad, denn an ein Auto war finanziell nicht zu denken. Längere Strecken wurden mit der Bahn zurückgelegt. In Frick lernte ich Karl Zeiske aus Berlin kennen. Er arbeitete dort als Vermessungsingenieur und war ein Leichtathlet vor dem Herrn. Obwohl ich weniger sportlich war, holte er mich abends manchmal, um 100-Meter Sprints, Weitsprung oder Schlagball zu trainieren. Wir gingen auch aus oder unternahmen Ausflüge, zum Beispiel in den Schwarzwald. Karl Zeiske blieb in der Schweiz, aber wir hatten noch jahrelang Kontakt. Als er ein Haus baute, erledigte ich ihm die Planungen und das Baugesuch. Er wurde der Pate unserer Tochter Sibylle, und sie besuchte ihn als Zehnjährige in der Schweiz. Es gefiel ihr gut, aber sie war trotzdem froh, wieder zuhause zu sein. Karl Zeiske kam zu Sibylles Kommunion und schenkte ihr ihr erstes Fahrrad. Auch als Sibylle und Hans 1986 heirateten, hörten wir noch voneinander. Die Freundschaft mit meiner kleinen Schweizerin ging 1958 zu Ende. Ich vermute familiäre Gründe, denn ihr Vater war ein Richter aus angesehener Familie. Jedenfalls hatte ich danach keine Lust mehr in Frick zu leben.

Zur gleichen Zeit fand in Berlin die internationale Bauausstellung Interbau statt, und ich nahm diese Chance wahr, um nach anderen Berufsmöglichkeiten zu suchen. In Berlin wurde jedes Ausstellerland von einem Architekten repräsentiert, der im Hansaviertel ein für sein Land typisches Haus baute. Das ging durch die Fachpresse, und auf diese Weise hörte ich zum ersten Mal von den schwedischen Architekten Jänike und Samuelson. Ich schickte eine Blindbewerbung "An die Architekten Jännike und Samuelson in Malmö, Schweden". Der Brief kam tatsächlich an. Ich bewarb mich als Praktikant und bemühte mich beim internationalen Arbeitsamt in Frankfurt um eine einjährige Arbeitsgenehmigung für Schweden. Im Mai 1958 brach ich meine schweizer Zelte ab und fuhr über Berlin nach Malmö.
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4.4 Schweden

Ich reiste mit Bahn und Fähre über Saßnitz auf Rügen nach Trelleborg in Südschweden, von dort mit dem Zug nach Malmö. Für die Transitstrecke durch die damalige DDR besorgte ich eine Transitgenehmigung. Die Grenze zwischen West- und Mitteldeutschland war streng bewacht und Kontrollen waren an den Bahnhöfen und im Hafen allgegenwärtig, aber mit Paß und Genehmigung gab es keine Schwierigkeiten. In Berlin besuchte ich Karl Zeiske, der gerade zuhause war und mir Berlin zeigte. Schweden hatte damals den besten Wohnungsbau in Europa. Es wurde qualitativ und architektonisch sogar besser gebaut als in der Schweiz, und ich konnte dort noch viel lernen. Außerdem war es interessant, in einem großen Unternehmen und für Architekten von Weltruf zu arbeiten. Jänicke war Professor und Samuelson wurde später auch Professor. Diese Berufserfahrung war natürlich lehr- und prestigereich für mich, und ich blieb ein Jahr dort. Als Praktikant verdiente ich allerdings nicht viel. Mein Gehalt stürzte auf achthundert Schweden-Kronen ab. Eine Krone waren damals zweiundsiebzig Pfennige. Inzwischen haben Wohlfahrtsstaat und Sozialismus es geschafft, die Krone auf fünfundzwanzig Pfennige zu drücken. Die Miete für mein möbliertes Zimmer bei der Kapitänsfrau Larson betrug hundert Kronen. Ein günstiges Mittagessen bekam ich im Konsum-Restaurant für vier bis fünf Kronen. Abends versorgte ich mich selber. Ich kam mit den 800 Kronen also gut zurecht und konnte auch etwas für Kleidungsstücke und die Rückfahrt nach Deutschland zurücklegen. Das Büro Jänike & Samuelson beschäftigte einige deutsche Architekten, und es wurde ebensoviel deutsch gesprochen wie schwedisch. Außerdem war Jänike Deutscher. Er hatte eine Jüdin geheiratet und emigrierte 1936 rechtzeitig von Deutschland nach Schweden. Meine schlechten Schwedischkenntnisse waren überhaupt kein Problem. Trotzdem nahm ich gleich einen Schwedischkurs für Anfänger. Ich hatte auch vorgesorgt und in der Schweiz einen Schallplattenkurs gekauft. Nach ein paar Monaten konnte ich recht leidlich schwedisch sprechen. Für Jänike und Samuelson arbeitete ich an einem großen Straßenbahndepot für die Stadt Malmö. Das Depot bekam einen Bürotrakt, eine Reparaturwerkstätte und großzügige Duschräume und Aufenthaltsräume für die Angestellten. Außerdem entwarf ich Wohnbauten, meistens sechs- bis zehngeschoßige Hochhäuser.

Mit meinem Fahrrad, das ich per Bahn und Schiff aus der Schweiz nach Schweden verschickt hatte, unternahm ich Ausflüge in die nähere Umgebung von Malmö, an die Küste zu den wunderschönen kleinen Badeorten und nach Lund, wo ich vor dem Dom meine Frau Elisabeth kennenlernte. Ihre jüngere Schwester Gitta, damals vierzehn Jahre alt, war gerade zu Besuch. Kurz nach mir kam auch Gerhard Göhle als Praktikant zu Jänike & Samuelson. Er war Berliner und wir verstanden uns recht gut. Nachdem er das Schwedenmädl Rigmor kennen gelernt und geheiratet hatte, blieb er in Schweden und machte eine gute Karriere. Wir hielten Kontakt bis heute. Ab und zu schreiben wir uns noch, oder er ruft an.
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Karl Mathia, 1960-
"Günter Mathia Erzählt", Erste Ausgabe
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