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Günter Mathia Erzählt

Kapitel 3: Die Jahre 1946 - 1949

Abschnitte:
3.1 Knecht, 3.2 Maurer, 3.3 Bei Krupp, 3.4 Währungsreform
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3.1 Knecht

Nach meiner Entlassung aus dem Krankenhaus ging ich sofort auf's Land um auf den Bauernhöfen nach Arbeit zu suchen. Ich fand noch vor Kriegsende im Mai 1945 bei einem Bauern in Westdeutschland Arbeit und konnte auf dem Hof als Knecht unterkommen. Der Hof lag im Rheinland, in der Nähe von Hilden. Die Stadt Hilden war, und ist immer noch, ein Autobahnanschluß. Der Bauer hieß Hermann Volke. Er war damals schon älter, mindestens fünfzig Jahre alt. Er hatte spät geheiratet und bekam spät seine Tochter und seinen Sohn. Dort arbeitete ich ein Jahr lang als Knecht, was eine gute Entscheidung war, denn so war ich in der Nachkriegszeit, als Millionen Deutsche verhungerten, mit dem Nötigsten versorgt.

Die Landwirtschaft war damals noch reine Handarbeit. Heute, fünfzig Jahre später, ist das überhaupt nicht mehr vorstellbar. Der Mist wurde von Hand auf einen zweirädrigen großen Karren geladen, der Karren wurde von einem Pferd auf's Feld gezogen, und der Mist mit einer Mistharke in kleinen Haufen auf dem Acker deponiert. Dann wurde er mit der Mistgabel verstreut und untergepflügt. Auch die Heuernte war reine Handarbeit. Das Gras wurde zwar mit einem Mähbalken gemäht, aber nach einem Tag wurde es mit der Heugabel gewendet und danach noch zweimal, bis es trocken war. Die Heureihen wurden mit einem maschinellen Rechen zusammengezogen, aber das Feld wurde von Hand nachgerecht. Das Heu wurde von Hand auf einen Heuwagen geladen, später auch die Getreidegarben. Alles wurde von Hand aufgeladen, abgeladen und gedroschen. Die Dreschmaschine wurde auf dem Hof aufgestellt, die Garben wurden von Hand aufgeschnitten und durch die Maschine gelassen, die das Korn vom Stroh trennte. Das Stroh wurde von Hand weggeräumt und die Kornsäcke weggeschleppt. Auch die Jauchegrube wurde mit einer großen Zwei-Mann-Pumpe von Hand leergepumpt, und im Winter, als die Landwirtschaft ruhte, sägten wir zu zweit mit einer langen Säge wochenlang Brennholz.

So verbrachte ich ein Jahr mit schwerer körperlicher Arbeit, zu einer Zeit als Deutschland hungerte. Der Bauer hatte natürlich genug zu essen, und zu hungern brauchte ich, Gott sei Dank, nicht. Natürlich gab es nur magere Verpflegung, und Fleisch gab es selten. Die Mahlzeiten bestanden aus Kartoffeln und Gemüse, Griesbrei und Haferbrei. Sie wurden aber mit geräuchertem und durchwachsenem Bauchspeck gefettet. Es gab auch ausreichend Brot, allerdings nur selten mit Butter. Auch Wurst gab es selten, dafür aber Marmelade. Ich wurde aber satt und war aufgehoben, ich bekam auch ein paar alte Klamotten und ein Paar Schuhe von dem Bauern als Arbeitskleidung für die Feldarbeit. Außer freier Kost und Logie bezahlte er mir auch fünfundzwanzig Mark Monatslohn und meldete mich bei der Krankenkasse an.

Auf dem Bauernhof arbeiteten auch zwei Kriegsgefangene, ein Pole und ein Belgier. Die beiden hatten ein gutes Verhältnis zu dem Bauer. Wir saßen alle am gleichen Tisch mit der Familie Volke, und alle bekamen die gleichen Mahlzeiten auf den Teller. Mein Zimmer teilte ich zunächst mit dem Belgier. Sofort nach Kriegsende wurden die Kriegsgefangenen aber in einem Sammellager zusammengezogen und in ihre Heimat zurückgebracht. Dann hatte ich mein Zimmer alleine, sogar mit einem Doppelbett. Für die Nachkriegszeit, als sich ganze Flüchtlingsfamilien ein einziges Zimmer teilen mußten, war das geradezu luxuriös. Auf Hermann Volke's Hof lebte und arbeitete ich von Mai 1945 bis März 1946. Ich wollte aber nicht ein Leben lang Knecht bleiben und beschloß, in die rauhe Wirklichkeit zurückzukehren, um einen neuen Beruf zu erlernen.
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3.2 Maurer

Meinen Beruf als Flugmotorenschlosser konnte ich nach dem Zweiten Weltkrieg nicht ausüben, da die Aliierten die gesamte deutsche Schwerindustrie demontiert und deportiert hatten. Nach dem Morgenthau-Plan sollte Deutschland in einen Agrarstaat umgeformt werden. Zudem wurde die gesamte Wehrtechnik verboten. Ich sah für industrielle Berufe mittelfristig also keine Chancen. In der Baubranche aber gab es enorm viel zu tun. Deutschland war dermaßen zertrümmert, daß wir glaubten, für fünfzig Jahre beschäftigt zu sein, um alles wieder aufzubauen, und so entschied ich mich für eine Maurerlehre in Rheinhausen. Der Rest meiner Verwandtschaft lebte ja noch dort. Ich besuchte die Mathias und die Hunkenschröders und bat um ein Dach über dem Kopf für die kommenden Lehrjahre. Die Mathia-Sippe konnte mich nicht aufnehmen, weil sie ohnehin um ihr Überleben kämpfte. Die Zeiten waren einfach zu schlecht, das sah ich ein. Die Hunkenschröder-Sippe stand ein bißchen besser da als viele Familien, obwohl Opa Hunkenschröder inzwischen gestorben und sein Haus halb zerstört war. Tante Christine, die Stieftochter vom Opa Hunkenschröder, wohnte in dem Haus. Als sie von meinen Plänen hörte, Maurer zu werden, nahm sie mich in ihre Behelfswohnung auf. Ich schlief in der Küche. Ein Grund für diese Hilfsbereitschaft waren wohl meine zukünftigen Beziehungen zur Bauwirtschaft, die für Tante Christine von Vorteil wären. So kam es auch, denn mein Maurermeister baute ihr Haus wieder auf, und ich half nach Feierabend auch tüchtig mit.

Meine Maurerlehre begann 1946. Bis 1949 mußte ich noch einmal drei Lehrjahre durchstehen. Wie die Landwirtschaft war auch das Maurerhandwerk noch schwere körperliche Arbeit. Der gesamte Speiß, Mörtel und Beton wurde von Hand gemischt, getragen und verarbeitet. Damals war man schon glücklich, wenn der Unternehmer ein Förderband hatte, womit Steine und Beton in die oberen Stockwerke gehievt werden konnten. Mein Unternehmer hatte leider kein schweres Gerät, wie Kräne, Bagger, Hebebühnen oder ähnliches. Es war unerschwinglich. Wir schleppten alles Material von Hand oder auf den Schultern. Ich war achtzehn Jahre alt und kräftig, und der Unternehmer hatte ohnehin zu wenig Hilfsarbeiter. Er sagte zu mir: "Junge, ich habe zu wenig Handlanger. Ich gebe Dir mehr als nur den Lehrlingslohn, ich gebe Dir fünfundsiebzig Pfennige Stundenlohn, wenn Du auch beim Handlangen anpackst." Das war mir recht, und so mischte ich Mörtel in der sogenannten Speißpfanne, füllte ihn in den sogenannten Vogel, einen Blechkasten, und trug ihn zu den Speißfässern. Bausteine wurden auf einem Steinbrett gestapelt und auf den Schultern zu den Maurern getragen, bis in die oberen Stockwerke. Das war schwere Knochenarbeit, und damals schaffte ich spielend fünfzig Liegestütze.

Neue Häuser wurden bis 1949 nicht gebaut, es wurde nur repariert und wiederaufgebaut, um möglichst schnell den nötigen Wohnraum für die Millionen Obdachlosen und Flüchtlinge bereitzustellen. Zuerst wurden die Häuser mit den geringsten Schäden repariert. Deren Besitzer bekamen zuerst Bezugsscheine für Baumaterial, wie Kalk, Zement, Sand und Steine. Als nächstes wurden die schwer zerstörten Häuser wiederhergestellt. Erst nach der Beendigung von allen Reparaturarbeiten wurden Materialscheine für den Wiederaufbau der völlig zerstörten Häuser, von denen nur noch die Kellermauern standen, ausgestellt. Heute wird berichtet, daß die Trümmerfrauen Deutschland aufgeräumt hätten. Diese Berichte entsprechen der Wahrheit. Ich selbst mußte nach Feierabend Steine aus den Trümmerbergen ziehen und mit Maurerhammer und Pickel den Mörtel abklopfen. Die guten Steine wurden mit Schubkarren zu Sammelstellen gebracht, gestapelt und zum Wiederaufbau verwendet. Überall in Deutschland durchsuchten die Leute die Trümmerberge nach Baumaterial, vor allem die Eigentümer der zerstörten Häuser. Bis 1948 wurde alles wiederverwertet, von Bausteinen, Balken und Holz, bis zu rostigen Nägeln.

Nach den Reparaturen an Tante Christines Haus war ich dort überflüssig, und sie fand irgendeinen Anlaß, mir zu kündigen. Ich mietete dann ein möbliertes Zimmer in der Nähe der katholischen Kirche in Rheinhausen bei einer liebenswerten Frau Paul, deren Mann in Rußland vermißt war. Ihr Sohn Edgar war etwas jünger als ich und schlief im elterlichen Schlafzimmer, als ich sein kleines Kinderzimmer mietete. Die gute Frau Paul versorgte mich liebevoll, und ich schickte ihr noch jahrelang Weihnachtskarten, auch aus der Schweiz und Schweden, und bedankte mich für die Zeit bei ihr. Gegen Ende meiner Lehrzeit war die Währungsreform und die Zeiten wurden danach besser. Man litt keinen Hunger mehr und konnte sich mehr leisten als nur das Lebensnotwendigste. Ich schöpfte wieder Hoffnung für die Zukunft und begann Pläne zu schmieden. Ich beschloß, Architektur zu studieren.
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3.3 Bei Krupp

Die Kosten meines geplanten Architekturstudiums wollte ich durch Schichtarbeit bei den Krupp-Werken in Rheinhausen verdienen. Nach der Maurerlehre arbeitete ich dort bis zum Studienbeginn im Herbst 1950 als Hochofenmaurer. Die Ersparnisse aus dieser Zeit bildeten die finanzielle Basis für mein Studentenleben. Die Außenhülle der Hochöfen für die Stahlgewinnung bestand aus schweren Stahlplatten und einem Profilstahlgerüst. Die inneren, einen Meter dicken Wände aus Schamott und anderen feuerfesten Materialien schmolzen bei der Stahlgewinnung Stück für Stück ab und schwammen als Schlacke auf dem flüssigen Roheisen. So wurden die Wände der Hochöfen immer dünner, bis ein Durchbruch zu befürchten war und der Ofen nach ungefähr drei Monaten stillgelegt wurde. Die Hochofenmaurer mußten das restliche versinterte Mauerwerk herausbrechen und den Hochofen neu ausmauern. Diese Arbeit dauerte ungefähr zwei Wochen. Die Firmenleitung wartete nicht bis der Hochofen völlig abkühlte. Wegen des Produktionsausfalles mußte der Ofen schnell wieder angeheizt werden. Wir standen unter Zeitdruck und arbeiteten ohne Atemschutz in glühend heißen, staubigen Kammern. Wir hatten drei Maurerkolonnen, die in Schichtarbeit rund um die Uhr arbeiteten. Jede Kolonne war in drei Gruppen aufgeteilt, von denen je eine mit Asbestanzügen, Gesichtsmasken und dicken Handschuhen in den Ofen mußte, um die Mauer abzubrechen und den Bauschutt hinauszuschaffen. Das hielt man ungefähr fünfzehn Minuten aus, dann wurde die Gruppe, schweißtriefend und erschöpft, von der nächsten abgelöst. Der Zyklus bestand also aus fünfzehn Minuten Arbeit und dreißig Minuten Pause. Während der dringend benötigten Pausen standen große Kannen mit frischem Kräutertee bereit. Nach dem Abbruch der Ofenmauer wurde eine neue gebaut. Der Ofen wurde dann wieder angeheizt und wir begannen mit dem nächsten Ofen. Nach dem Krieg gab es sieben Hochöfen bei Krupp, wovon immer zwei stillagen.

Wir arbeiteten Frühschicht, Tagschicht und Nachtschicht und bekamen einen Maurerlohn von etwa 2,00 Mark je Stunde bezahlt. Für die Nachtschicht und Wochenendarbeit wurde ein Zuschlag von 25 % bezahlt, auch für Staub, Gas und Hitze. Bei zwei Mark Grundlohn und Zuschlag von 50 Pfennigen kam ich auf 2,50 Mark Stundenlohn, wesentlich mehr als für Maurer üblich war. Ich weiß nicht mehr, wieviel ich bis zum Studienbeginn sparen konnte, aber es waren ungefähr 900 Mark auf meinem Postsparbuch mit der Nummer 4.000.000. Heute habe ich die Nummer 60.000.000. Wir sagten damals von uns selber: gearbeitet wie ein Pferd, gespart wie ein Schotte, gelebt wie ein Hund. Das waren Arbeits- und Lebensbedingungen wie während der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts.

Herr Paul, der Mann meiner Vermieterin, kehrte fünf Jahre nach dem Krieg überraschend heim. Das war Anfang 1950. Er war also keiner von denen, die Konrand Adenauer Mitte der 1950er Jahre heimholte. Herr Paul hatte als Kriegsgefangener die Bergwerke in Sibirien überlebt und die Russen entließen ihn, weil er krank und kaputt war. Gesunde Arbeitskräfte kamen nicht frei. Frau Paul's Reaktionen waren Erleichterung, Freude und Verwirrung. Es war ihr unfaßbar, und zunächst konnte sie mit der Situation nicht umgehen. Sie war inzwischen eine vollkommen selbständige Frau geworden, ihr Mann dagegen war ein Wrack ohne jeden Einblick in die neuen sozialen Verhältnisse. Trotzdem wollte er wieder mitreden, und so kam es zu Spannungen zwischen den beiden. Ich bemerkte das Monate später bei meinen gelegentlichen Besuchen. Ja, der Krieg machte soviel kaputt, und für viele Familien war es sehr schwierig, zu stabilen sozialen Verhältnissen zurückzufinden.

Mein Zimmerchen mußte ich für den Sohn Edgar freimachen. Ich konnte aber bei Tante Gesine unterkommen, der Frau von meinem Onkel Paul. Deren Sohn Heinz war anderthalb Jahre älter als ich. Sie hatte auch einen Nachzügler von fünf oder sechs Jahren. Als Heinz heiratete, konnte ich in seinem Zimmer unterschlüpfen. Es war auch nur ein Zimmerchen, aber ich war mit allem zufrieden, denn es herrschte eine riesige Wohnungsnot. Deutschland war noch lange nicht wieder aufgebaut, und es strömten noch immer Vertriebene aus Polen, aus dem Balkan, aus der Tschechei und aus den baltischen Staaten zurück in den Westteil des eroberten Deutschland. Insbesondere vor der Währungsreform konnte man nur schwer unterkommen, da jeder selbst ums Überleben kämpfte. Ein zusätzlicher Esser war nicht willkommen. Aber nach der Währungsreform konnte ich Onkel Paul von meinem Maurerlohn Miete und Verpflegungsgeld in D-Mark zahlen.
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3.4 Währungsreform

Die "Vorwährungszeit", die Zeit zwischen Krieg und Währungsreform 1948, war gezeichnet von schwerer Arbeit und Armut. Es wurden nicht nur 48 Stunden pro Woche gearbeitet, man arbeitete auch noch schwarz. Geld zu verdienen war notwendig, um zu überleben und hatte absolute Priorität. Niemand besaß etwas und von niemandem bekam man etwas. Socken, Hemd oder Schuhe, alles mußte durch Arbeit verdient und durch Konsumverzicht erspart werden. Heute ist das gar nicht mehr denkbar, denn es existiert eine Reihe von Organisationen, um den Bedürftigen zu helfen. Nach dem Krieg, bis Mitte der fünfziger Jahre, bekam man keinen Fetzen, nichts war übrig.

Meine übliche Schwarzarbeit Ende der vierziger Jahre waren Neubauten. Die Häuslebauer hatten selbst kein Geld und nahmen sich Schwarzarbeiter. Nach Feierabend mauerten wir Zwischenwände, verputzten Wände oder mauerten Sanitärschlitze zu. Ich besuchte sogar Baustellen, um nach Schwarzarbeit zu fragen. Der Lohn für Schwarzarbeit war zwei Mark Stundenlohn, auf der Baustelle waren es höchstens 1,60 Mark.

Während der Hungerjahre von 1945 bis zur Währungsreform 1948 herrschte ein reger Schwarzmarkt. In allen Städten wurde an bestimmten Plätzen gehandelt und getauscht. Die Einheimischen gaben ihre letzten Teller und Tassen her. Die Flüchtlinge, die nichts hatten, waren schlechter dran. Von den fünf Millionen Deutschen, die verhungerten, waren der größte Teil wohl die Flüchtlinge. Außerdem wurde geklaut, was nicht niet- und nagelfest war. Auch ich "besorgte" oder "organisierte" mir Lebensmittel. Wir räumten Kohlen, Kartoffeln und Rüben von Eisenbahnwagen ab. Einer sprang auf den fahrenden Waggon, warf die Ware herunter, und die Helfer neben den Gleisen haben eingesackt. Auch Schwarzarbeit wurde oft nur gegen Naturalien geleistet, denn für Geld konnte man keine Lebensmittel bekommen.

Heute versucht man uns beizubringen, daß die Amerikaner uns sehr geholfen hätten. Das ist Schwindel! Die Amerikaner verboten bis 1947, daß die Schweiz und Irland Lebensmittel an Deutschland verkauften oder verschenkten. Churchill setzte bis 1947 eine Lebensmittelblockade durch. Zwar stimmt es, daß Carepakete aus Amerika kamen, aber das wird übertrieben. Es waren nur private Pakete, meistens von Verwandten, die von der Regierung durch Transportkosten künstlich so sehr verteuert wurden, daß es für Privatleute sehr schwer war, ein Carepaket nach Deutschland zu schicken. Ich persönlich habe nie ein Carepaket gesehen, und ich kannte in meinem Bekanntenkreis keinen, der je eins bekommen oder gesehen hätte.

In meinem zweiten Lehrjahr als Maurer, das war 1947, konnte ich mich nur retten, indem ich für einen Bauern arbeitete. Der Bauernhof war in Jakobwüllesheim, einem Dorf bei Düren im Rheinland. In diesem Landstrich fanden bei der Eroberung Deutschlands schwere Kämpfe statt, und es war viel zerstört worden. Fachkräfte waren gesucht, um die Häuser wieder instandzusetzen. Ich lebte drei Monate bei dem Bauern, verputzte dessen Fachwerkfassade und erledigte auch andere Reparaturarbeiten. Als Lohn verabredeten wir zwei Zentner Weizen und zwei Zentner Kartoffeln. Nach meiner Maurerarbeit wartete ich noch bis zur Ernte, um den Weizen sicherzustellen. Ich ging das Risiko nicht ein, früher abzureisen und nach der Ernte zurückzukehren. Deshalb arbeitete ich bis zur Weizenernte als Landarbeiter weiter. Erst dann reiste ich mit meinen zwei Zentnern Weizen im Gepäck per Zug zurück nach Rheinhausen. Im Herbst holte ich dann die zwei Zentner Kartoffeln ab. Diese Lebensmittel halfen mir, mich bis zur Währungsreform durchzuschlagen.

Nach der Währungsreform kam seltsamerweise plötzlich alles wieder auf den Ladentisch und niemand mußte mehr hungern. Zunächst futterte sich Deutschland erst einmal satt, bis die Rippen nicht mehr zu sehen waren. Dann wurde Kleidung gekauft wie Socken, Unterwäsche, Hemden, Schuhe, warme Mäntel, Mützen, Pullover und Arbeitsanzüge. Das alles war jahrelang bitter vermißt worden. Erst als man wieder mit dem Notwendigsten versorgt war, konnte man endlich an Angenehmes denken. Die verschiedenen Kaufwellen nach dem Krieg sind in einem netten Büchlein beschrieben: Die Freßwelle, Textilwelle, Wohnwelle, Reisewelle, Autowelle, später dann die Werbewelle, und so ging es weiter. Kein Zweifel, die Währungsreform war der Startschuß zum Wiederaufbau Deutschlands. Für mich enthielt die Währungsreform allerdings einen Wermutstropfen. Aus der Unfallrente meines Vaters bekam ich als Jugendlicher 6000 Rentenmark, das mündelsicher angelegt wurde. Die Rentenmark war nach der Inflation 1923/24 eingeführt worden. Sie stützte sich auf den Grundbesitz ganz Deutschlands, und es wurde nur Geld im Gegenwert des Grundbesitzes in Deutschland gedruckt und freigegeben. Die Rentenmark war eine sehr gute und harte Währung, die auch im Ausland anerkannt wurde. Da mein Geld mündelsicher angelegt war, hatte ich erst mit einundzwanzig Jahren Zugriff, das war damals das Mündelalter und auch das Wahlalter. Leider erreichte ich dieses Alter erst nach der Währungsreform 1949. Nach der Währungsreform bekam ich allerdings nur 6,5 % der sechstausend Rentenmark ausbezahlt. Davon konnte ich mir nur einen Anzug und ein Paar Schuhe kaufen, wogegen ich 1930 ein gutes Einfamilienhaus hätte kaufen können.

Die Rentenmark wurde 1934 oder 1935 von den Nationalsozialisten durch die Reichsmark ersetzt. Das neue Währungssystem stützte sich auf den Produktivitätszuwachs in Deutschland. Neues Geld wurde nur als Gegenwert der produzierten Güter gedruckt und freigegeben. Auch die Reichsmark wurde eine harte Währung. Erst während des Krieges, als die existierende Geldmenge nicht mehr ausreichte, um die Kriegskosten zu decken, wurde die Reichsmark inflationiert. Das ist der Grund, warum für mich und alle anderen Sparer bei der Währungsreform 1948 nur 6,5 % des alten Wertes übrigblieben.
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Karl Mathia, 1960-
"Günter Mathia Erzählt", Erste Ausgabe
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