Abb. 1: Meine Eltern und ich 1929.
Mein Vater verunglückte 1930 tödlich. Durch eine Wunde am rechten Zeigefinger zog er sich eine Blutvergiftung zu, die tödlich verlief, weil es damals noch kein Antibiotica (Penicillin) gab. Er lebte noch einige Tage. Der ganze Körper soll entzündet gewesen sein, und er sei unter großen Schmerzen gestorben. Nach dem Tod meines Vaters zog meine Mutter mit mir zurück nach Rheinhausen-Friemersheim in ihr Elternhaus. Onkel Max hatte seinen Friseursalon schon aufgegeben, und meine Mutter eröffnete in dem ehemaligen Friseursalon ein Lebensmittelgeschäft. Als Startkapital nutzte sie die Unfallrente meines Vaters. Aber zu Finanzen hatte sie ein ähnlich schlechtes Verhältnis wie Onkel Max, und so war das Geschäft nach einem Jahr wieder pleite. Daraufhin gab sie ihre Karriere als Geschäftsfrau auf und zog mit mir in eine andere Wohnung in Rheinhausen. Ein uns Unbekannter mietete danach das Erdgeschoß von Opa Hunkenschröder.
Abb. 2: Mit Steiff_Teddy 1930.
Bald darauf lernte meine Mutter meinen späteren Stiefvater Anton Boos kennen. Er war von Beruf Kellner und hatte zwei linke Hände. Er war arbeitslos und hat es sogar im 3. Reich geschafft, bis 1938 arbeitslos zu bleiben. Das will schon viel heißen, denn damals hatten wir praktisch Vollbeschäftigung. Meine Mutter und Anton heirateten 1934. Ich kann mich schwach an die Hochzeitsfeier in unserer Mietwohnung in Rheinhausen erinnern. Es herrschte ein großer Rummel. Na, so groß auch wieder nicht, zehn Personen höchstens, denn mehr paßten in die Wohnung gar nicht hinein. In Rheinhausen wurde auch meine Halbschwester Inge geboren.
Anton Boos versuchte, eine eigene Gastwirtschaft in Dortmund-Aplerbeck aufzumachen, was ihm aber mißlang. Wir mußten dann 1936 nach Dortmund-Hörde umziehen, in ein Asozialenviertel. Vor allem der Teil der Bevölkerung wurde dort untergebracht, der keine Miete zahlte oder besonders arm dran war. Heute würden sie "sozial Schwache" genannt und die Wohnung wäre eine Sozialwohnung. Unsere Wohnung hatte zwei völlig kahle Zimmer, jedes ungefähr viermal vier Meter groß. Eines benutzten wir als Schlafzimmer, das andere als Wohnküche. Sanitäre Einrichtungen gab es in der Wohnung überhaupt nicht. In dem zweigeschoßigen Haus gab es fünf solcher Wohnungen. Der Wasserhahn für alle Wohnungen war im Keller, und man mußte frisches Wasser im Eimer herauf- und das Schmutzwasser wieder hinuntertragen. Im Keller waren die drei Klosetts für fünf Familien. Es wurde mit einem Holz-Kohle-Herd geheizt. Zum Kochen wurden die konzentrischen Ringe aus der Herdplatte herausgenommen. Der Herd war weiß emailliert und hatte ringsherum eine verchromte Stange, um Verbrennungen an der heißen Ofenplatte zu vermeiden.
In Dortmund-Aplesbeck wurde 1935 noch mein Halbbruder Hans Boos geboren. Der Altersunterschied zwischen meinen jüngeren Geschwistern und mir trennte uns natürlich und wir waren nicht sehr eng verbunden. Mitunter war ich sogar ärgerlich, weil ich immer Kinder hüten, sie also im Kinderwagen schieben oder schaukeln mußte. Wir schliefen alle fünf in dem Schlafzimmer, wo drei Betten aufgestellt waren. Ich hatte mein eigenes weißes Metallbett. Meine Eltern schliefen in den beiden Holzbetten, mußten aber noch je ein Kleinkind bei sich unterbringen.
Abb. 3: Bei Oma Mathia 1937.
Als Arbeitsloser bekam mein Stiefvater Anton Boos bis 1938 17,50 Mark Arbeitslosengeld pro Woche, wovon er 2,50 Mark als Taschengeld für sich behielt. Wir gerieten schnell in Lebensmittelschulden. Meistens war ich der Einkäufer der Familie und hatte dafür ein kleines blaues Büchlein, in dem die Lebensmittelkosten angeschrieben wurden. Jedes Wochenende bezahlte meine Mutter die Schulden mit den verfügbaren 15 Mark und die Eintragungen wurden durchgestrichen. Es reichte natürlich nur für Grundnahrungsmittel. Weihnachten war eine Ausnahme, da gab es siebenhundertfünfzig Gramm Pferdefleisch von einem Pferdemetzger. Daraus wurde ein Sauerbraten gemacht, um den Pferdegeschmack zu überdecken. Es blieben noch dreißig Pfennig für Abfallwurst, die es allerdings auch zu Ostern, Pfingsten und zu Geburtstagen gab. Zudem wurde ein runder Tortenboden mit Rand gebacken. Der wurde mit Früchten und einer Gelatine belegt, was ein großes Festessen war. Ich erledigte auch die Einkäufe für andere Familien. Zur Belohnung bekam ich zwei Pfennige, manchmal auch drei. So konnte ich mir eine ganze Mark zusammensparen, wofür ich mir eine Blockflöte kaufte, eine C-Flöte. Die Grundtöne lernte ich schnell darauf zu spielen, aber ich machte keine Fortschritte mit den Halbtönen. Niemand konnte es mir zeigen, und Musikunterricht konnten wir uns nicht leisten. So geriet die Flöte schnell wieder in Vergessenheit.
Bis zu meinem vierzehnten Lebensjahr besuchte ich die Volksschule in Dortmund-Hörde. Ich hatte viel Freizeit, denn in der Volksschule fühlte ich mich nicht sehr gefordert. Hausaufgaben machte ich nie, denn ich wurde entweder nicht beaufsichtigt, oder Hausaufgaben wurden nicht von mir verlangt. Trotzdem schlugen mich die Lehrer 1938, nach vier Jahren Volksschule, für das Gymnasium vor. Wegen des monatlichen Schulgeldes von zwanzig Mark mußten wir das leider ablehnen. Außerdem mußten Bücher gekauft werden, und man mußte auch besser gekleidet sein als in der Volksschule. Natürlich hatten wir das Geld nicht übrig. So blieb mir eine höhere Schulbildung versagt, worunter ich später sehr litt. Ich konnte einiges wiedergutmachen, aber die versäumte humanistische Bildung ließ sich nicht mehr aufholen. Beruflich halfen mir meine Auslandserfahrungen aus der Schweiz und Schweden, aber es war einfach nicht das Gleiche. Andererseits muß ich vielleicht froh sein, daß ich nicht ins Gymnasium wechselte, denn die Gymnasiasten wurden fast alle mit fünfzehn oder sechzehn Jahren als Flakhelfer zur Fliegerabwehr eingezogen. Nur an die Heimatfront, aber trotzdem kamen viele von den Jungens bei den Fliegerangriffen oder den Bombardierungen um. Vielleicht hatte Oma Mathia ihre schützende Hand über mir, zusammen mit meinem Schutzengel natürlich. Ich verbrachte meine Sommerferien vom ersten bis zum letzten Tag immer bei Oma Mathia in Rheinhausen, bis sie 1940 starb.
Ich wuchs ziemlich wild auf, wie das in diesem Dortmunder Asozialenviertel üblich war. Mit meinen Kameraden strolchten wir durch die Gegend und plünderten Obstgärten. Wir sammelten auch Pferdemist von den Fuhrwerken auf den Straßen und verkauften ihn in den Villenvierteln von Dortmund. Die Villenbesitzer benutzten den Pferdemist gerne als Düngemittel für ihre Blumenbeete und Vorgärten. Oder wir verdienten uns als Balljungen auf den Tennisplätzen etwas Geld, oder wir halfen, am Dortmunder Südbahnhof Eisenbahnwaggons mit Apfelsinen, Mandarinen, Äpfeln oder Gemüse zu entladen. Dafür wurden wir von den Großhändlern, die die Waggons mieteten, bezahlt. Fußball gab es natürlich auch, aber das war nicht meine Stärke. Schlagball und "Pinneckes-Kloppen" spielten wir oft. Der Pinneckes war ein beidseitig angespitzter Holzstab, ungefähr zwanzig Zentimeter lang. Wenn man mit einem Stock auf das spitze Ende schlug, flog der Pinneckes hoch. Er mußte dann noch mit dem Schlagstock in der Luft möglichst weit nach vorne geschlagen werden. Die Gegenpartei mußte ihn zurückschlagen.
Da ich während des Dritten Reiches die Schule besuchte, kam ich
natürlich fast täglich mit dem deutschen Jungvolk und der Hitlerjugend
in Berührung. Alle Volksschüler waren im deutschen Jungvolk organisiert.
Erst mit vierzehn Jahren konnte man der Hitlerjugend beitreten. Zum deutschen
Jungvolk ging ich nie, dazu war ich zu undiszipliniert. Erst als ich fast
vierzehn Jahre war, als es wegen einer Lehrstelle ratsam war, im deutschen
Jungvolk aktiv zu sein, trat ich der Flieger-Hitler-Jugend bei. Dort bastelten
wir Flugmodelle, was mir Spaß machte. Mit vierzehn Jahren verließ
ich die Volksschule. Der nächste Schritt war das Verlassen des Elternhauses.
Das war im Kriegsjahr 1942.
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Abb. 4: In Magdeburg 1944.
In Magdeburg lernte ich meinen Freund Karl Kramer kennen, als ich schon
im dritten Lehrjahr war. Er tauchte mit einigen anderen Praktikanten auf,
die gerade die Mittlere Reife bestanden hatten und deshalb nur ein Jahr
Praktikum benötigten, um an einer Universität studieren zu können.
Da Karl auch aus Dortmund war, hatten wir uns gleich gefunden und sind
heute noch freundschaftlich verbunden. Während der Lehre waren wir
alle in der Flieger-Hitler-Jugend. Einmal im Jahr waren wir für eine
Woche in einem Trainingslager für Segelflieger. Im ersten Jahr ging
alles gut, und ich machte die A-Prüfung. Im zweiten Jahr stürzte
ich ab, und der Segler ging zu Bruch. Mir passierte nichts, aber mit der
Fliegerei war es natürlich vorbei, und ich hatte für den Rest
der Woche Werkstattdienst.
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Mein Stiefvater Anton Boos wurde bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges
1939 in die Wehrmacht eingezogen. Aufgrund seines relativ hohen Alters
von 39 Jahren wurde er zu einer Nachschubkompanie abgestellt und erlebte
den Frankreichfeldzug hinter der Front. Bei Kriegsende wurde er von den
Amerikanern gefangen genommen, den Franzosen übergeben, und er arbeitete
noch zwei Jahre als Kriegsgefangener. 1947 kam er aus der französichen
Gefangenschaft heim. In Dortmund stand er natürlich vor dem Nichts.
Seine Frau war schwer krank, seine Kinder waren im Waisenhaus, und er hatte
nicht einmal ein Dach über dem Kopf. Das Arbeitsamt konnte ihn dann
an die Eisenbahn vermitteln, und er kam in einem Wohnheim für Eisenbahner
unter. Genaueres weiß ich darüber nicht, und ich verlor ihn
auch bald völlig aus den Augen.
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Schließlich war meine Einheit von den Amerikanern umzingelt und mußte aufgeben. Der Ruhrkessel war durch die aliierten Streitkräfte strategisch gespalten worden. Der südliche Teil des Ruhrkessels wurde immer kleiner, die Einkesselung immer enger, bis nur noch die kleine Stadt Haan im Rheinland übrigblieb - und in der saß ausgerechnet ich mit den gesamten deutschen Truppen aus der Umgebung. Die Stadt war voller Militär. Wir wurden in den Kellerraum einer Schule befohlen, um vor dem Artilleriebeschuß sicher zu sein. Dann wurde die weiße Fahne gehißt, und der Beschuß hörte auf. Es wurde befohlen, alle Waffen auf dem Schulhof abzulegen, wieder in den Keller hinunterzugehen und die Gefangenschaft abzuwarten.
Ich wollte aber meine Gefangenschaft nicht abwarten und zog deshalb meinen Uniformrock aus. Übrig blieb mein langärmliges weißes Baumwollunterhemd mit Knopfleiste. Solche altmodischen Baumwollhemden wurden in den 90er Jahren wieder modern. Die Uniformhose schnitt ich zur kurzen Hose ab. Meine Ausweise und Papiere warf ich weg. Mit einer Mistgabel auf der Schulter marschierte ich aus der Schule, aus der Stadt und hinaus auf's Feld. Dort standen die Amerikaner, nur einen Kilometer entfernt, in einem engen Ring um die Stadt, Fahrzeug an Fahrzeug, Panzer an Panzer. Ich stapfte mit meiner Mistgabel auf den Belagerungsring zu und erwartete, daß mich schon jemand aufhalten würde, so kam es auch, und ein amerikanischer Offizier rief mich zu sich und fragte, was ich hier machte. Ja, sagte ich, ich wolle nach Hause. "Wo wohnst Du?" Ich deutete nach hinten, hinter den Belagerungsring, denn ich mußte ja zunächst mal raus. Er sagte "ok", nahm ein Fahrrad vom nächsten Lastwagen, gab mir das und deutete mir, abzuhauen. Natürlich glaubte er mir meine Geschichte nicht, er ließ mich einfach laufen. Die Amerikaner waren zum Teil human, vor allem mit Frauen, Kindern und Jugendlichen. Die Engländer nicht, die Franzosen auch nicht und die Russen sowieso nicht.
Mit meinem Fahrrad schhlug ich mich bis nach Hilden durch, das schon in amerikanischer Hand war. Und dort schoß diese blöde deutsche Artillerie in die Stadt hinein! Ich radelte frohen Mutes mit meinem Fahrrad in die Stadt, als hinter mir eine Granate auf der Straße einschlug. Die Druckwelle warf mich in hohem Bogen geradeaus, und zwei Granatsplitter erwischten mich noch im linken Knie und im Allerwertesten. Das Fahrrad flog auch durch die Gegend, und so sah ich es zum letzten Mal. Wo die Stellung der deutschen Geschütze war, weiß ich nicht, aber wohl in den umliegenden Wäldern. Sie wollten sicher die Amerikaner treffen - und trafen stattdessen mich! Sobald ich mich wieder orientieren konnte, krabbelte ich in den nächsten Hauseingang hinein. Einige Frauen hatten sich im Keller in Sicherheit gebracht. Sie schnappten mich, schleppten mich die Kellertreppe hinunter und zogen mir die Hose runter. Ich blutete aus meinen Wunden, auch am Gesäß, und die Damen klebten überall eifrig Pflaster drauf. Dann rannte eine auf die Straße und rief die Sanitäter, die überall durch die Stadt fuhren und Verwundete einsammelten. Die Sanitäter warfen mich auf ihren Lastwagen und brachten mich und andere in's Krankenhaus, wo ich ein Zimmer mit elf anderen teilte.
Unsere Artillerie muß völlig den Überblick verloren
haben, sie wußte offensichtlich nicht, wo die Amerikaner lagen, wo
die Front verlief, oder welche Truppen sich wo bewegten. Es herrschte das
reinste Chaos. Nur so kann ich den Beschuß erklären. Ich wurde
schon nach einer Woche aus dem Krankenhaus entlassen. Die vielen Schwerverwundeten
hatten natürlich Vorrang. Meine Granatsplitter wurden allerdings nicht
entfernt. Der Splitter im Knie wurde nach 51 Jahren, im Juni 1996, herausoperiert,
die Splitter im Gesäß werde ich wohl mit ins Grab nehmen.
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