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Günter Mathia Erzählt
Kapitel 1: Die Jahre 1874 - 1927
Abschnitte:
1.1 Westpreußen, Münsterland, Rheinhausen,
1.2
Mein Vater, 1.3 Meine Mutter
oder
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1.1 Westpreußen, Münsterland,
Rheinhausen
Königlich-Neukirchen ist ein Dorf im Kreis Konitz in Westpreußen,
einem vorwiegend landwirtschaftlichen Gebiet. Die Familie meines Vaters
lebte dort in bescheidenen Verhältnissen. Mein Großvater Johann
Mathia wurde 1874 geboren. Er arbeitete später in einer Ziegelei und
verdiente gerade das Notwendigste für den Lebensunterhalt seiner Familie.
Für den Eigenbedarf hielt er nebenbei einige Hühner und Schweine,
wie es damals nicht unüblich war. Ich weiß nicht viel über
meinen Großvater, aber ich erinnere mich mit Vergnügen an eine
Begebenheit aus seinem Wehrdienst. Er wurde um 1896 mit neunzehn oder zwanzig
Jahren zum damals dreijährigen Wehrdienst eingezogen, und wurde, glaube
ich, in der Garnisonsstadt Preußisch-Eylau in Ostpreußen stationiert.
Nach einem Jahr Grundausbildung wurde er Bursche beim Kompanieführer,
einem Hauptmann. Der Hauptmann war wohl sehr geizig, denn er stellte meinem
Großvater keine Schuhcreme zur Verfügung, um die Offiziersstiefel
blankzuputzen. So kam es, daß die drei Leutnants der Kompanie blankere
Stiefel hatten als der Hauptmann selber. Das ärgerte diesen natürlich,
und er ließ seine Wut an dem armen Johann Mathia aus, der dann die
üblichen Schikanen über sich ergehen lassen mußte, wie
Strafexerzieren und verlängerten Dienst. Aber mein Großvater,
damals ein junger Mann in vollem Saft und voller Kraft, ließ sich
nicht einschüchtern und marschierte schnurstracks zum Bataillonskommandeur,
zum Herrn Oberst, und brachte dort seine Beschwerde gegen diese Behandlung
vor. Und man höre und staune, der Hauptmann wurde anscheinend zur
Rechenschaft gezogen, denn seitdem stellte er die so schmerzlich vermißte
Schuhcreme zur Verfügung, und auch die Schikanen hörten auf.
Eine weitere, allerdings traurige Geschichte wurde an mich weitergegeben:
Meine Großmutter brachte sechs Buben und zwei Mädchen zur Welt.
Die zwei Töchter, die später meine Tanten gewesen wären,
kamen schon als Kleinkinder auf tragische Weise ums Leben. Das Futter für
die Hausschweine war vornehmlich aus Kartoffeln und Kartoffelschalen in
der Küche in einem großen Topf gekocht worden. Danach wurde
dieser zum Abkühlen auf den Küchenboden gestellt. Beide Mädchen
waren ungefähr zwei Jahre alt, als sie im Abstand von einigen Jahren
rücklings in den großen Topf mit dem frischgekochten Schweinefutter
fielen. Dabei wurden sie so sehr verbrüht, daß sie starben.
Meine Großeltern entschlossen sich um 1912 von Westpreußen
nach Rheinhausen, an den westlichen Rand des Ruhrgebietes, umzuziehen und
ein neues und besseres Leben zu beginnen. Das Ruhrgebiet zog um die Jahrhundertwende
viele tausend Arbeitssuchende an, vor allem aus Mittel- und Ostdeutschland,
aber
auch aus Osteuropa.
Rheinhausen liegt links-rheinisch. Auf der anderen Seite des Rheines
liegt Duisburg. Die Firma Krupp betrieb in Rheinhausen ein Hüttenwerk
zur Stahlgewinnung. Auch Zechen gab es, denn die Kohlegewinnung war ebenfalls
ein wichtiger Industriezweig. In diesem Industriegebiet fingen die Mathias
mit ihren vier Buben nach dem Umzug neu an. Zunächst lebten sie in
Untermiete, haben dann eine private Wohnung gefunden und später eine
Wohnung von Krupp zur Verfügung gestellt bekommen. Die Firma Krupp
hatte dort bedeutende Siedlungen gebaut. Dieses soziale Engagement von
den "Urkapitalisten" gegenüber ihren Arbeitnehmern war damals weiter
verbreitet, als heute bekannt ist. Meine Großeltern lebten in Rheinhausen
für den Rest ihres arbeitsamen Lebens. Oma Mathia starb 1940 und Opa
Mathia hielt es nur dreizehn Tage ohne sie aus, dann starb er auch. Sie
wurden beide 67 Jahre alt.
Die Familie meiner Mutter stammt aus dem Münsterland, aus einem
kleinen Dorf der Nähe von Warendorf. Sie trugen den Familiennamen
Hunkenschröder, einen alten westfälischen Namen. Mein Großvater
war Dorfschmied. Er hatte im väterlichen Betrieb gelernt und ging,
wie viele Gesellen damals, nach der Lehre auf die Wanderschaft. In Rheinhausen-Friemersheim
blieb er hängen, gründete eine Familie und baute ein Mehrfamilienhaus.
Die Städteplaner hatten damals viele Baugrundstücke für
dreistöckige Häuser ausgewiesen. Das untere Geschoß bewohnte
er mit seiner Familie, die beiden darüberliegenden Etagen wurden vermietet,
um die Hypothekenzinsen abzutragen. Opa Hunkenschröder wurde 1914,
zu Beginn des Ersten Weltkrieges, in die Armee eingezogen. Aufgrund seines
Alters wurde er als Briefträger bei der Feldpost eingesetzt. Es gab
viele Ansichtskarten von ihm, die ich als Kind noch gesehen habe, die inzwischen
aber verschwunden sind. Während des Krieges führte Oma Hunkenschröder
mit Hilfe meiner damals jugendlichen Mutter und einem Sohn, meinem Onkel
Max, den Haushalt und verwaltete das Haus. 1917 starb sie an Lungentuberkulose,
als mein Großvater immer noch im Krieg war. Die zwei Kinder waren
dann alleine. Mein Großvater kam nach Kriegsende 1918 zurück
nach Hause und heiratete später wieder. Seine zweite Frau brachte
ihre Tochter Christine mit in die Ehe.
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1.2 Mein Vater
Mein Vater Josef Mathia wurde gegen Ende des Jahres 1899 in Westpreußen
geboren, verbrachte aber den Großteil seiner Kindheit und Jugend
in Rheinhausen. Die Geburtsurkunden meiner Eltern und Großeltern
habe ich heute noch. Josef Mathia lernte 1914 bis 1917, während des
Ersten Weltkrieges, Reparaturschlosser. Dieser Beruf ist inzwischen ausgestorben.
Die Schlosser schlugen damals auch Fenster und Türen an, stellten
also die Beschläge her und setzten die Schlösser ein . "Anschlagen"
bedeutete, die Fenster- und Türbeschläge am Holzrahmen zu befestigen
und Fenster oder Türen einzuhängen. Ein Schlosser reparierte
auch noch Werkzeuge wie Zangen und Scheren.
Die Brüder meines Vaters hießen Johann, Paul und August.
Johann, mein Onkel Hans, wurde ein Jahr nach meinem Vater geboren, dann
kamen Onkel Paul und Onkel August. Johann lernte Schweißer und wohnte
sein Leben lang in Rheinhausen. Er schweißte auf einer Zeche untertage
bis zu seiner Pensionierung. Er starb ungefähr 1980, genau weiß
ich es nicht mehr. Onkel Paul hatte bei Krupp Blechschlosser oder Kesselschmied
gelernt. Er arbeitete sein Leben lang für Krupp und wurde schließlich
als Vorarbeiter pensioniert. Er war ein sehr cholerischer Mann. Onkel August
war wohl der sanfteste von den vier Mathia-Söhnen. Er starb mit 56
Jahren an Lungentuberkulose in den Nachkriegsjahren.
Mein Vater wurde 1917, mit siebzehn Jahren, zu den Pionieren eingezogen
und noch ein Jahr an der Westfront in Frankreich eingesetzt. Unter dem
Trommelfeuer der Stellungskriege wurde er einmal verschüttet, konnte
aber ausgegraben und gerettet werden. Wie viele seiner Zeitgenossen wurde
auch mein Vater in der Wirtschaftskrise nach dem Ersten Weltkrieg arbeitslos.
Er ging dann auf Wanderschaft, um sein Glück außerhalb von Rheinhausen
zu suchen. Er fand Arbeit in einer kleinen Maschinenfabrik, der Firma Berg
in Wilhelmstal an der Lenne. Zuerst mietete er ein möbliertes Zimmer
in Ütterslingsen, einem Dorf in der Nähe. Später fand er
eine größere Wohnung in Wilhelmstal.
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1.3 Meine Mutter
Meine Mutter hieß Gerta Christine Hunkenschröder. Sie wurde
am 22. August 1904 geboren. Sie war dreizehn Jahre alt als ihre Mutter
während des Ersten Weltkrieges 1917 starb. Bis ihr Vater nach Kriegsende
1918 heimkehrte lebte sie ein Jahr alleine mit ihrem kleineren Bruder Max.
In diesem jungen Alter mußte sie schon den Haushalt führen,
Max und sich selbst versorgen und auch das Haus verwalten. Im Jahr 1918,
mit vierzehn Jahren, verließ meine Mutter ihr Elternhaus und ging
als Dienstmädchen "in Stellung". Sie arbeitete bei einer Familie in
Krefeld, einer schönen Stadt in der Nähe von Rheinhausen. Von
diesem Lebensabschnitt schwärmte sie sehr. Die Familie Fußhöller,
bei der sie wohnte und arbeitete, führte ein Cafe und hatte eine gleichaltrige
Tochter, Christa Fußhöller. Die beiden Mädchen wurden gute
Freundinnen, und Christa nahm meine Mutter einige Male mit in die Oper,
unter anderem in die Oper "Marta" von Friedrich von Flotow. Meine Mutter
kannte alle Melodien aus dieser Oper und auch anderen Opern auswendig und
sang sie während der Hausarbeit, als ich ein kleines Kind war.
Mein Onkel Max lernte Damen- und Herrenfriseur. Er war ein Figaro vor
dem Herrn, ein begnadeter Künstler. Nach seiner Meisterprüfung
hatte er im Handumdrehen einen florierenden Friseur-Salon mit mehreren
Angestellten. Er sprang von einem Kunden zum anderen, legte an jedem Kopf
die letzte Hand an und sorgte auch für die notwendige Unterhaltung.
Der Salon war im Erdgeschoß seines Elternhauses untergebracht, welches
Max von Opa Hunkenschröder mietete. Die Familie hatte sich ins Obergeschoß
zurückgezogen. Onkel Max hatte allerdings einen Fehler: Er konnte
nicht mit Geld umgehen. So schnell wie das Geld hereinkam, ging es auch
wieder hinaus. Er ließ sich schließlich sein Erbe mütterlicherseits
auszahlen, also seinen Anteil am Elternhaus, und verbrauchte auch das noch.
Er konnte keine Miete mehr bezahlen, ruinierte seinen Ruf und zog nach
Duisburg-Ruhrort. Dort heiratete er und bekam zwei Kinder, die etwa in
meinem Alter waren. Als Fünfjähriger sah ich ihn und seine Familie
das letzte Mal. Ich weiß auch nicht, was aus ihm geworden ist.
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Karl Mathia, 1960-
"Günter Mathia Erzählt", Erste Ausgabe
Copyright 1998, Karl Mathia, Mountain View, California